Erneut Verhandlungen?
Von Knut Mellenthin
Nein, überraschend kam der Beginn der gemeinsamen Aggression von USA und Israel gegen Iran am Sonnabend morgen nicht. Schließlich vollzog sich der US-amerikanische Aufmarsch in der Region schon seit Ende Januar, immer wieder vom öffentlich nachdenkenden Donald Trump mit viel »einerseits und andererseits« kommentiert. Aber während laufender, sich gerade erst entwickelnder, noch keineswegs ausgereizter Verhandlungen einen Krieg zu beginnen, kann nicht gerade als klassische Diplomatie gelten, sondern kommt eher aus der Welt der organisierten Kriminalität.
In diesem Punkt gibt es vermutlich einen taktischen Unterschied zwischen dem US-Präsidenten und dem israelischen Premier, dessen Amtszeit zusammengerechnet über 18 Jahre beträgt: Benjamin Netanjahu strebt die Zerstörung der Islamischen Republik an und setzt seit einigen Jahren auf Reza Pahlavi, der mit Hilfe des Mossad und eines inszenierten »Volksaufstands« an die Macht kommen soll. Mit jeder gemeinsamen Militäroperation gegen Iran verbindet Netanjahu die Hoffnung, dass Trump ihm nicht wieder »von der Fahne geht«, sondern bis zum Erreichen des Endziels in der Allianz bleibt. Für den US-Präsidenten hingegen sind »Diplomatie« und Krieg Mittel zum Erreichen von Zwecken, zwischen denen ein politisches Genie nach Laune und Intuition wechseln kann.
So philosophierte Trump schon am Abend des ersten Kriegstages (Ortszeit) in einem Telefongespräch mit dem Journalisten Robert Costa vom Sender CBS, eine »diplomatische Lösung« mit dem Iran bleibe nach wie vor möglich und werde nach der Tötung Khameneis »natürlich viel leichter« fallen »als vor einem Tag«, »weil sie schlimme Prügel beziehen«.
Er wisse, wer im Iran zur Zeit die Verantwortung trage und in fast allen Bereichen des politischen und öffentlichen Lebens das Sagen habe, führte Trump das Gespräch mit Costa weiter. »Ich weiß genau, wer es ist, aber ich kann es Ihnen nicht sagen.«
Ein Geheimnis ist es in Wirklichkeit nicht. Den iranischen Medien ist zu entnehmen, dass es an erster Stelle um den Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, Ali Laridschani, geht. Er besaß Khameneis Vertrauen und wurde von diesem im August vorigen Jahres, wenige Wochen nach dem Junikrieg, für diesen Posten ernannt, nachdem er zwölf Jahre lang das einflussreiche Amt des Parlamentspräsidenten ausgeübt hatte.
Würden Trumps Chefunterhändler Steven Witkoff und sein Schwiegersohn Jared Kushner, ein Familienfreund Netanjahus, es mit Laridschani wirklich leichter haben als mit Außenminister Abbas Araghtschi, ihrem bisherigen Partner in den »indirekten Gesprächen«? Wird die neue Führungsgruppe des Iran, die gerade erst formiert wird, überhaupt bereit sein, »an den Verhandlungstisch zurückzukehren«? Man sollte nichts ausschließen und aufmerksam beobachten.
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