Chinas Softpower
Von Arnold Schölzel
I m Jahr 2017 fragte die US-Zeitschrift Foreign Policy: »Warum ist China so uncool?« Im März 2025 berichtete sie: »China ist zur zweitwichtigsten Softpowernation der Welt aufgestiegen und liegt damit nur noch hinter den Vereinigten Staaten.« Dieser Erfolg sei ein »Wendepunkt in den internationalen Beziehungen«. Chinas Aufstieg sei kein plötzliches Phänomen, sondern der Höhepunkt einer wohlüberlegten Strategie. Der britische Economist veröffentlichte 2025 einen Artikel mit der Schlagzeile »Wie China cool wurde«. Am Mittwoch berichtete der US-Sender CNN unter der Überschrift »Junge Amerikaner praktizieren ›Chinamaxxing‹. Das stärkt Beijings Softpower«: »Dieser Artikel erreicht Sie möglicherweise zu einem sehr chinesischen Zeitpunkt in Ihrem Leben. Zumindest dann, wenn Sie in letzter Zeit genug Zeit in den sozialen Medien verbracht haben, wo das Phänomen des ›Chinamaxxing‹ die Feeds mit Videos von Menschen überschwemmt hat, die heißes Wasser schlürfen, in Hausschuhen durchs Haus schlurfen und eine virale Adidas-Jacke tragen, die an historische chinesische Mode erinnert.«
Ganz neu ist das alles nicht: In Ost- und Südostasien verbreitet sich Chinesisches seit Jahren. Bereits 2022 waren zum Beispiel in Japan ein Drittel aller Handyspiele vom Nachbarn. Am Freitag nahm sich der Shanghaier Handelsblatt-Korrespondent Martin Benninghoff des Themas an und stellte dazu fünf Thesen auf: Erstens rolle ähnlich wie einst der »American Way of Life« mit Rock ’n’ Roll, Coca-Cola und Hollywood heute ein Trend durch Social Media, der den »Chinese Way of Life« propagiere. Junge Erwachsene filmen sich demnach »beim Hotpot-Essen im Sichuan-Restaurant, schlürfen Nudelsuppen und trinken warmes Wasser, wie es in China üblich ist.« Die Jüngeren erlebten ihre Welt durch »hymnische Reiseberichte bekannter Influencer wie des Amerikaners iShowSpeed oder Clips, die China als geordnete, saubere, funktionierende, zugleich aufregende Welt zeigen.«
Zweitens werde »Propaganda zum Selbstläufer«. Benninghoff zitierte einen deutschen Influencer, der in Shanghai lebt und seit Jahren erfolgreich chinesische Clips ins Netz stellt: »Früher hast du Hass bekommen, wenn du einfach nur Food- oder Travel-Videos über China gemacht hast. Heute bringt es Traffic, gut über China zu reden.« Benninghoff kommentiert besorgt: »Die Grenze zwischen staatlicher Steuerung und eigenständiger Lobhudelei verschwimmt zunehmend.« Die Kommunisten stecken eben hinter allem – jedenfalls im Handelsblatt. Der Korrespondent nennt einige gewinnträchtige Beispiele: die »Labubu«-Puppe, seit Juli 2025 mit eigenem Laden in Berlin. Autohersteller wie BYD, deren Geschäfte Apple-Stores ähneln. Sportartikelhersteller und Ketten wie »Cotti Coffee« mit ersten Filialen in deutschen Innenstädten.
These drei: »China profitiert vom Gegensatz zum Westen«. Kunststück, angesichts der laufenden Anstiftung von Krieg. Das erwähnt Benninghoff nicht, sondern: »In den digitalen Tunneln Chinas erscheint der Westen als Problemfall, oft mit einem Blick auf den Alltag: von dreckigen Berliner Straßen bis zu Fragen der persönlichen Sicherheit. Anschläge auf deutsche Weihnachtsmärkte oder französische Innenstädte werden in chinesischen Medien breit rezipiert.« Benninghoff lässt auch weg, dass ein chinesischer Medizinstudent jüngst enorme Resonanz bei seinen Landsleuten erhielt, als er Armut und Elend in den USA drastisch abbildete.
Benninghoffs Pflichtschlusskurve in These fünf rückt zwar nichts gerade, besagt aber, welche Probleme das alles den Ideologiebeauftragten des Westens macht: »Die China-Realität ist komplexer.« Das hört sich nach Niederlage auf ganzer Linie an.
Benninghoffs Pflichtschlusskurve rückt zwar nichts gerade, besagt aber, welche Probleme das alles den Ideologiebeauftragten des Westens macht: »Die China-Realität ist komplexer«. Das hört sich nach Niederlage auf ganzer Linie an
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