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Aus: Ausgabe vom 28.02.2026, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Bankrotteurwirtschaft

Karl Liebknecht: Kapitalistischer Militarismus lässt die ausgebeuteten Klassen ihre Ketten selbst schmieden und bezahlen
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Wo Militarismus zum Totengräber des kulturellen Fortschritts wird, wird Antimilitarismus zur Pflicht (Friedensdemo in Berlin, 2025)

Gewiss möchte auch die herrschende Klasse des Kapitalismus ihre Profitinteressen ganz gern in voller Gemütlichkeit wahrnehmen. Da sich diese Gemütlichkeit aber weder mit der kapitalistischen Konkurrenz, der nationalen und internationalen, verträgt, noch auch dem Geschmack derjenigen dauernd entspricht, aus deren Haut der Kapitalismus Riemen schneidet, so errichtet der Kapitalismus zum Schutze der Lohnsklaverei um das Allerheiligste des Profits eine waffenstarrende, grausame Festung der Gewaltherrschaft. Und wenn der Militarismus für den Kapitalismus eine Lebensnotwendigkeit ist, so liegt ihm natürlich an den Riesenkosten dieses Militarismus an und für sich nichts, im Gegenteil, sie sind ihm gewiss herzlich unangenehm. Aber da es nun einmal heutzutage nicht mehr möglich ist, nach dem alten kadmeischen Rezept Zähne zu säen und bewaffnete Soldaten aus dem Boden wachsen zu lassen, so bleibt nichts übrig, als sich mit der Molochnatur des Militarismus abzufinden und seine unersättliche Gefräßigkeit zu füttern. Wie peinlich den herrschenden Klassen diese Eigenschaft des Militarismus ist, lehren die alljährlichen Budgetverhandlungen der Parlamente. Der mehrwertsüchtige Kapitalismus kann eben nur wiederum beim Geldpunkt, seiner grundsätzlich schwachen Seite, gefasst werden. Die Kostspieligkeit des Militarismus ist das einzige, was ihm irgendwelche Grenzen zieht, wenigstens soweit die Kosten von der Bourgeoisie selbst getragen werden. Aber freilich, die Profitmoral sucht und findet einen ebenso bequemen wie niederträchtigen Ausweg: die Überwälzung des größten oder eines großen Teils der militaristischen Lasten auf die Schultern derjenigen Schichten des Volks, die nicht nur die schwächsten sind, sondern zu deren Unterdrückung und Peinigung auch der Militarismus hauptsächlich in Szene gesetzt ist. Die kapitalistischen Klassen nutzen, ebenso wie die herrschenden Klassen andrer Gesellschaftsordnungen, ihre noch dazu erst auf Ausbeutung des Proletariats gegründete Gewaltherrschaft aus, um die unterdrückten und ausgebeuteten Klassen ihre Ketten nicht nur selbst schmieden, sondern auch möglichst selbst bezahlen zu lassen. (…)

Von 1899 bis 1906/1907 ist allein in Deutschland das militärische Budget von rund 920 Millionen auf rund 1.300 Millionen, also über 40 Prozent gewachsen. Die Gesamtsumme der militärischen »Spesen« dürfte sich – ohne die Kosten des Russisch-Japanischen Kriegs – jetzt für Europa auf etwa 15 Milliarden Mark pro Jahr belaufen, das macht rund 15 Prozent des gesamten Außenhandels der Welt: wahrlich eine echte Bankrotteurwirtschaft. (…)

So wird der Militarismus zum gefährlichen Hemmschuh, oft zum Totengräber selbst desjenigen kulturellen Fortschritts, der an und für sich im Interesse auch der heutigen Gesellschaftsordnung läge. Schule, Kunst und Wissenschaft, öffentliche Hygiene, Verkehrswesen: Alles wird aufs äußerste stiefmütterlich behandelt, da wir für Kulturaufgaben, um ein bekanntes Wort zu gebrauchen, bei Molochs Gefräßigkeit nichts übrig haben. (…) Eine Gegenüberstellung der eineindrittel Milliarde des deutschen Militäretats von 1906 und der 171 Millionen, die Preußen 1906 für Unterricht aller Art aufgewendet hat, die 420 Millionen, die Österreich-Ungarn 1900 für militärische Zwecke, und der fünfeinhalb Millionen, die es für Volksschulen verausgabt hat, genügt. (…) Der Militarismus ist, man kann fast sagen, der Schöpfer und Erhalter unsres erdrückenden ungerechten indirekten Steuerwesens. Die gesamte Reichszoll- und Reichssteuerwirtschaft, die auf eine Auspowerung der großen Masse, das heißt der bedürftigen Masse unsrer Bevölkerung, hinausläuft und der es im wesentlichen zu verdanken ist, wenn sich zum Beispiel im Jahre 1906 die Kosten der Lebenshaltung für die Masse des Volks gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1900 bis 1904 allein um 10 bis 15 Prozent gesteigert haben, dient neben dem Junkertum, dieser Schmarotzerklasse, deren zärtliche Versorgung zu einem sehr großen Teil wiederum durch militaristische Gründe verursacht ist, in erster Linie militaristischen Zwecken.

Nicht minder haben wir es hauptsächlich dem Militarismus zu danken, wenn unser Kommunikationswesen, dessen Ausbildung und Vervollkommnung übrigens gerade im höchsten Interesse eines verständigen und seines Interesses klug bewußten Kapitalismus liegt, dennoch längst nicht den Anforderungen des Verkehrs und der Entwicklung der Technik entspricht, sondern als milchende Kuh zu einer besonderen indirekten Besteuerung des Volks ausgenutzt wird. (…) Die Art der Steuergesetze, die den Massenkonsum an Bier, Tabak usw. und selbst den Verkehr, diese Lebensluft des Kapitalismus, schwer belasten, bildet eine vortreffliche Illustration zu dem oben Angeführten.

Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 319–324

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