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Von Max Ongsiek
Eine Woche vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg schmilzt der Vorsprung der CDU, die lange wie der sichere Sieger aussah, in den Umfragen ab. Die beiden jüngsten Umfragen (Infratest Dimap und Forschungsgruppe Wahlen) sahen die Partei von Spitzenkandidat Manuel Hagel mit 27 bzw. 28 Prozent nur noch einen bzw. zwei Prozentpunkte vor Bündnis 90/Die Grünen, deren Spitzenkandidat der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ist. Die Grünen, die mit Winfried Kretschmann in Stuttgart ihren einzigen Ministerpräsidenten stellen und zusammen mit der CDU regieren, waren in den Umfragen lange abgeschlagen und lagen im Herbst 2025 noch unter 20 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 hatten die Grünen, in deren baden-württembergischem Landesverband die rechten »Realos« tonangebend sind, noch 32,6 Prozent der Wählerstimmen erhalten.
Der AfD werden in den jüngsten drei Umfragen zwischen 18 und 20 Prozent prognostiziert. Damit würde die Partei ihren Stimmenanteil im Vergleich zu 2021 in etwa verdoppeln. Weit abgeschlagen folgen voraussichtlich SPD, FDP und Linkspartei. Für die Sozialdemokraten, die mit weniger als zehn Prozent Stimmenanteil rechnen müssen, wäre es das schlechteste Wahlergebnis ihrer Geschichte in Baden-Württemberg. Für die FDP, die seit der Bildung des Bundeslandes 1952 immer im Landtag vertreten war, wäre der Sprung über die Fünfprozenthürde bereits ein Erfolg, denn sie liegt in vielen anderen Bundesländern völlig am Boden. Der Partei werden derzeit sechs Prozent Stimmenanteil prognostiziert.
Die Linkspartei kann sich weiter Hoffnung machen, erstmals in den Stuttgarter Landtag einzuziehen. In den vergangenen Monaten galt das eigentlich als nahezu sicher. Allerdings fällt auf, dass die Umfragewerte inzwischen leicht bröckeln: Infratest Dimap sieht die Linke in Baden-Württemberg inzwischen nur noch bei 5,5 Prozent. Sollte die Partei wider Erwarten doch nicht in den Landtag kommen, dürfte die Euphorie, die die Partei seit der Bundestagswahl im Februar 2025 trägt, einen erheblichen Dämpfer erhalten.
Kretschmann amtiert seit 2011 als Ministerpräsident. Er hat 2024 angekündigt, zur Landtagswahl 2026 nicht mehr anzutreten. Seit 2016 koaliert Kretschmanns Partei mit der CDU, der er inhaltlich ohne Zweifel näher steht als der SPD, mit der er zunächst koaliert hatte. Den Umfragen zufolge ist eine Regierungsbildung ohne Einbeziehung der AfD nur zwischen CDU und Grünen möglich. Es geht am 8. März also absehbar vor allem um die Frage, wer bei einer Fortsetzung der bisherigen Koalition das Ministerpräsidentenamt erhält und wer der Juniorpartner ist. Die Perspektive auf die Alternative zwischen »grün-schwarzer« oder »schwarz-grüner« Regierung scheint nicht dazu angetan zu sein, die Wahlbeteiligung in die Höhe zu treiben.
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