Leistung lohnt sich nicht
Von Niki Uhlmann
Nichts offenbart die gegenwärtige Schwäche der deutschen Arbeiterbewegung schonungsloser als die Entwicklung der Reallöhne. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Fähigkeit der Lohnabhängigen, dem Kapital ihre Bedingungen für den Verkauf der Arbeitskraft aufzuzwingen. Dabei will ihnen seit bald einem Jahrzehnt kein großer Wurf gelingen. Zu sozialpartnerschaftlich sind ihre Interessenvertretungen. Zu gespalten ist die Klasse: auch in Männer und Frauen, wobei letztere wegen des von Staat und Kapital nutzbar gemachten Patriarchats nach wie vor den kürzeren ziehen.
2025 konnten Beschäftigte eine durchschnittliche Lohnsteigerung von nominell 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr durchsetzen. Derweil haben ihre Ausbeuter aber die Preise für allerhand Lebensmittel erhöht, so dass eine durchschnittliche Existenz 2,2 Prozent teurer wurde. Daraus ergibt sich laut Statistischem Bundesamt (Destatis) eine Reallohnsteigerung von 1,9 Prozent. Diesen Zuwachs könnte man als kleinen Sieg feiern, ginge aus der amtlichen Statistik nicht hervor, dass die Kaufkraft eines Otto Normalverbrauchers damit noch immer unter dem Niveau von 2019 liegt. Das war vor der Coronapandemie, die reichlich Konzernen satte Extraprofite beschert hatte.
Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. »Defensive Tarifpolitik« titelte das Münchener Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (ISW), nachdem Verdi sich vor zwei Wochen mit den Ländern auf einen neuen Tarifvertrag für mehr als eine Million Beschäftigte im öffentlichen Dienst geeinigt hatte: »Während das Kapital seine Profite durch Preisaufschläge, Subventionen und politische Unterstützung stabilisieren konnte, trägt die Arbeiterklasse die Hauptlast der Krise in Form von Reallohnverlusten, Prekarisierung und Arbeitsverdichtung.«
Gefordert hatte Verdi sieben Prozent mehr Lohn über zwölf Monate. 5,8 Prozent über 27 Monate lautete die Einigung, die man angesichts vermeintlich leerer Staatskassen öffentlich »als ›vernünftig‹ und ›verantwortlich‹« darstelle. Soll aber kein »dauerhafter Niedriglohnsektor zementiert« werden, warnte das ISW, müsse derlei Augenwischerei, die allein der Rüstungsetat entlarve, seitens der Gewerkschaften eine Absage erteilt werden. Statt dessen gehöre die »Rückeroberung des vorenthaltenen Lohnanteils« wieder auf die Tagesordnung.
Dieser Rat kann auf die Gleichstellungspolitik übertragen werden. Am 27. Februar wird international der Equal Pay Day – zu Deutsch: Tag der gleichen Bezahlung – begangen. Auch hier sorgt die Lohnentwicklung für Ernüchterung: »Unter den Vollzeitbeschäftigten wiesen Frauen mit einem durchschnittlichen Nominallohnwachstum von 4,8 Prozent stärkere Verdienststeigerungen auf als Männer (4,1 Prozent)«, so Destatis. Die Geschlechterlohnlücke von 16 Prozent, die sich in eine Rentenlücke von ganzen 25,8 Prozent übersetzt, schließt sich bei diesem Tempo frühestens 2040 – zumal hier unberücksichtigt bleibt, dass fast jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet und Frauen regelmäßiger aus dem Berufsleben ausscheiden als Männer.
Eine verkürzte Erklärung liefert das »Journal 2026« des Vereins Business and Professional Women Germany (BPW): »Glaubenssätze (›Leistung zahlt sich aus‹) treffen auf gesellschaftlich anerkannte Beziehungsmodelle (›Wir gleichen das aus‹)«. Die Forderungen des DGB fokussieren eher die ökonomische Basis des modernen Patriarchats: Lohngleichheit, mehr Chefinnen und Aufwertung der »frauendominierten Berufe und Branchen« brauche es, ferner eine paritätische Verteilung unbezahlter Sorgearbeit. Doch die Misere hat System: Je billiger die Sorgearbeit ist, desto weniger Lohn braucht die Arbeitskraft für ihre Reproduktion, um so mehr Lohnanteile können vorenthalten und von den Ausbeutern letztlich als Profit eingestrichen werden. Innerhalb des Kapitalismus sind Lösungen allenfalls Nullsummenspiele – niemals Befreiung.
Dass die Antwort nur Klassenkampf lauten kann, illustriert auch der Kommentar von Cem Ince, Sprecher für Mitbestimmung und Wirtschaftsdemokratie der Fraktion Die Linke im Bundestag, gegenüber jW: »Noch immer wurden die immensen Kaufkraftverluste nicht aufgeholt. Gleichzeitig ist die Zahl der Milliardäre um 50 Prozent gestiegen.« Wie der DGB fordert er »einen höheren Mindestlohn und echte Entgelttransparenz«. Einig ist man sich offenbar. Fehlt nur noch die Offensive. Viel Luft nach oben gibt es etwa bei den Streiks. So ging jüngst aus einem internationalen Vergleich von Ausständen durch das kapitalnahe Institut der deutschen Wirtschaft hervor, dass die BRD bei den Streiktagen eher zu den Schlusslichtern zählt: Von 2020 bis 2024 waren es im Schnitt 336.000 pro Jahr; von 1980 bis 1989 waren es 610.000. Warum heute verzichten?
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