El Malo del Bronx
Von Frederic Schnatterer
Es war 1973, als Héctor Lavoe erstmals mit seiner leicht nasalen Stimme auf Spanisch sang: »Todo tiene su final« – alles hat sein Ende, nichts währt für immer. Komponiert hatte das Stück Willie Colón. Dessen scheppernde Posaune lieferte dem Song zudem die unvergleichliche Wucht. Lavoe starb, schwer gezeichnet von Unfällen, psychischen Erkrankungen und Drogensucht, bereits 1993 an den Folgen einer AIDS-Erkrankung. Am Sonnabend folgte ihm sein früherer Kollege Colón. In »Todo tiene su final« heißt es, dass »die Ewigkeit nicht existiert« – auch nicht für Legenden.
Der »King of Salsa« wurde 75 Jahre alt. Colón starb dort, wo er geboren wurde: in der Bronx in New York City. In den 1950er Jahren war er dort bei seiner Großmutter und seiner Tante aufgewachsen. Die beiden Frauen waren aus der De-facto-Kolonie Puerto Rico in die Ostküstenmetropole gekommen. Colón war einer von mehr als einer Million Nuyoricans – Puertoricanern, die in New York leben. Laut eigener Aussage erinnerte ihn seine Großmutter täglich daran: »Vergiss nie, dass du Puertoricaner bist.«
Sie war es auch, die die musikalische Karriere ihres Enkels ermöglichte, indem sie dem damals elfjährigen Willie seine erste Trompete schenkte. Bereits mit 15 Jahren schrieb er eigene Lieder und nahm sie auf. Die afrokaribische Musik kannte er aus seinem Großelternhaus, hinzu kamen Einflüsse von Jazz und Folk aus New York. Mit einer Boogaloo-Band trat er in Clubs in der South Bronx auf. Bald wechselte Colón das Instrument, die Posaune wurde zu seinem Markenzeichen. Mit gerade einmal 17 Jahren erschien seine erste LP, »El Malo« (Der Bösewicht), auf dem heute weltberühmten Label Fania Records.
Die Geschichte des unabhängigen Plattenlabels aus New York ist eng verknüpft mit dem damals an Fahrt aufnehmenden internationalen Siegeszug der Salsa. Dabei setzte Fania Records auf nahezu unbekannte Talente. Bereits das Album »El Malo« machte Colón und Leadsänger Lavoe schlagartig berühmt. Nach zehn weiteren Alben trennten sich ihre Wege. Colón arbeitete später mit dem aus Panama stammenden Rubén Blades zusammen. 1987 veröffentlichten sie das Album »Siembra«, die bis heute meistverkaufte Salsa-Platte der Geschichte.
Colón verkörperte den Geist besonders der karibischen Migranten in New York City, der Geburtsstadt der Salsa, zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Das Leben in ihren Vierteln war geprägt von Armut, rassistischer Diskriminierung und Kleinkriminalität. Colón schuf von sich das Bild des Ganoven und Gangsters. »El Malo del Bronx« (Der Bösewicht aus der Bronx) thematisierte die Erfahrungen vieler karibischer Migranten in seinen Liedern. Besonders eindrücklich gelang ihm das in »Calle luna, calle sol«, einer schonungslosen Schilderung der Gefahren, der Gewalt und des Faustrechts in den marginalisierten Vierteln der Metropole. 1978 veröffentlichten Colón und Blades mit »Pedro Navaja« eine Gangsterstory aus New York – eine Ode an Bertolt Brechts »Dreigroschenoper«.
Salsa war für die lateinamerikanische Community in New York City das, was Punk für Teile der weißen Unterschicht war: Ausdruck von Aufbegehren, Sozialkritik und Selbstbewusstsein. Colón setzte sich schon früh für die Anliegen der in den USA systematisch diskriminierten Latinos ein und kandidierte für mehrere politische Ämter; unter Bürgermeister Michael Bloomberg (2002–2023) war er Berater für die kulturellen Belange von Latinos. Zuletzt verbreitete er jedoch besonders in sozialen Medien immer wieder reaktionäre und konservative Positionen und rief zur Unterstützung von Donald Trump auf.
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