Gegründet 1947 Mittwoch, 25. Februar 2026, Nr. 47
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.02.2026, Seite 14 / Feuilleton

Universalismus

Von Daniel Bratanovic
14_web.jpg
Allgemein und doch nicht für alle. Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen (Gemälde von Jean-Jacques-François Le Barbier, ca. 1789)

Das Denken in übergreifenden Zusammenhängen und also des Ganzen hat in diesen Tagen nicht mehr viele Anhänger. Wohlfeil zu sagen, dass diese Übung schlicht zu anstrengend geworden ist. Es gibt dafür vielmehr handfeste materielle Gründe. Der Triumphzug des Partikularen, Fragmentierten hat aber nicht erst gestern begonnen.

»Wer Menschheit sagt, will betrügen.« Wahrheit und Lüge begegnen sich hier in einem kurzen Satz. Das verlangt Erklärung. Von Carl Schmitts Behauptung sei zunächst gesagt, dass sie Antiuniversalismus in nuce ist. Universalismus bezeichnet in grober Annäherung das Postulat, die Vielfalt aller Wirklichkeit des Ganzen auf ein einzelnes Prinzip zurückführen zu können, und etwas spezifischer den allgemeinen und zeitunabhängigen Geltungsanspruch bestimmter moralischer oder rechtlicher Normen für alle Menschen. Damit ist erstens die Angelegenheit im wesentlichen auf das Feld der praktischen Philosophie verwiesen und zweitens der von Schmitt verworfene oder verächtlich gemachte Begriff von der Menschheit eingeführt.

Berühmtes Beispiel solcher universeller Normen für alle Menschen ist Kants kategorischer Imperativ und dessen Projektion auf die Rechtsordnung: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Umgekehrt und unter Rückgriff auf Rousseaus volonté géneral gelten danach Gesetzesprojekte nur dann als legitim, wenn sie aus der Perspektive aller davon Betroffenen als akzeptabel erscheinen. Dieser Universalismus, der ein materiales Freiheitsrecht als »das einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht« postuliert, impliziert zwingend die Überschreitung des nationalen Rechtsrahmens hin zu einer internationalen oder kosmopolitischen Friedensordnung.

Die zeitgenössische Kritik an Kant ließ nicht lange auf sich warten. Die prominentesten Einwände stammen von Hegel und von de Maistre, dem Verteidiger des Ancien Régime. Der Schwabe begrüßt den großen Fortschritt, »dass die Freiheit die letzte Angel ist, auf der der Mensch sich dreht«, kritisiert aber die Inhaltslosigkeit: »Denn es soll nichts anderes das Gesetz sein als eben die Identität, die Übereinstimmung mit sich selbst, die Allgemeinheit. Das formale Prinzip der Gesetzgebung kommt in dieser Einsamkeit in sich zu keinem Inhalt, keiner Bestimmung.« An diesem Mangel ist der Franzose gar nicht erst interessiert. De Maistre stellt in Abrede, dass es den »Menschen« als Abstraktum gebe, vielmehr existiere er immer nur innerhalb historisch gewachsener Gemeinschaften, wovon zu abstrahieren auf barbarische Nivellierung hinauslaufe, was nun ganz praktisch die Jakobiner während der Französischen Revolution demonstriert hätten.

Damit ist der gegenaufklärerische Ton der nächsten zwei Jahrhunderte gesetzt; Carl Schmitt schlägt da nur die gleiche Laute. Problematisch wird der Universalismus aber nicht vor allem durch seine reaktionären Opponenten. Bürgerliche Gesellschaft und kapitalistische Produktionsweise sollten erweisen, dass die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte gar nicht universell galten, sondern ziemlich partikular verstanden wurden – exkludiert waren Frauen, Arbeiter und, in einem globalen Zusammenhang, die unterjochten Menschen eroberter Ländereien. Anders gesagt: Der Universalismus wurde imperialistisch.

Zu Zeiten, als »links« nicht ohne Arbeiterbewegung gedacht werden konnte, war allerdings unzweifelhaft, dass diese sozialistische oder kommunistische Linke das Erbe des bürgerlichen Universalismus beansprucht, dessen volle Entfaltung erst jenseits einer Ordnung der Ausbeutung Wirklichkeit werden könne. Eine Linke ohne Arbeiterbewegung vernachlässigte dann mehr und mehr die politökonomische Analyse und entdeckte die Kultur, der kurzerhand emanzipatorisches Widerstandspotential zugeschrieben wurde. Die Postcolonial Studies schließlich stellten den Universalismus gänzlich unter den Generalverdacht, kolonialer Beherrschung Vorschub zu leisten, weshalb, ganz wie bei de Maistre, der Stellenwert begrenzter organischer Gemeinschaften betont wurde. Man wird leicht finden, dass solche lokale Beschränkung dem negativen Universalismus des Kapitals nichts entgegenzusetzen hat.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Mehr aus: Feuilleton