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Aus: Ausgabe vom 23.02.2026, Seite 4 / Inland
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Retten, was noch übrig ist

Berlin: Hunderte Anwohner protestieren in Friedrichshain gegen geplanten Abriss des SEZ. Stadt will Prestigebau der DDR planieren und teure Wohnungen errichten
Von Carmela Negrete
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Rettungsringe und klare Botschaft an den Senat: Kundgebung vor dem SEZ am Sonnabend (21.2.2026)

Mehrere hundert Nachbarinnen und Nachbarn haben sich am Sonnabend vor dem Sport- und Erholungszentrum (SEZ) an der Landsberger Allee in Berlin versammelt, um gegen den unmittelbar geplanten Abriss des Erholungszentrums zu protestieren. Unter einem Transparent mit der Aufschrift »Wer abreißt, wird abgewählt!« forderten Vertreter der Initiative »SEZ für alle!«, dass das ikonische Bauwerk aus DDR-Zeiten weiterhin als wichtiger sozialer Treffpunkt im Stadtteil dienen solle. Am 2. März soll der Abriss des Schwimmbadbereichs beginnen – und das, obwohl das Berliner Abgeordnetenhaus angekündigt hatte, über einen möglichen Abrissstopp, Sanierungskonzepte und eine künftige Nachnutzung zu beraten. Damit sollen offenbar Fakten geschaffen werden, bevor überhaupt über eine Lösung gesprochen werden kann.

»Es ist nicht nur ein Problem eines einzelnen Gebäudes, es ist ein berlinweites Problem – ich würde sogar sagen, ein weltweites Problem«, sagte Elke, Vertreterin der Initiative. Das Grundproblem sei immer dasselbe: »Es geht um Profitinteressen, Investoren und so weiter.« Sie fragte außerdem: »Ich verstehe nicht, warum Herr Wegner (Regierender Bürgermeister Berlins, jW) einfach so in der Mittagspause eine Stunde Tennis spielen gehen kann und ich von Pankow nach Lichtenberg fahren muss, um Badminton zu spielen, weil ich nicht mehr ins SEZ kann.« Das könne einem niemand erklären.

Das SEZ ist für viele Menschen im Kiez nicht nur ein ehemaliges Freizeit- und Sportzentrum, sondern auch ein Gebäude, dessen »Struktur noch gut ist, das kann ich bezeugen«, sagte Günter Reiß, einer der Architekten, die an der Planung des Gebäudes beteiligt waren. »Man kann alles wieder aufbessern«, sagte Reiß auf der Kundgebung. »Es gibt nichts, was rostet oder mit Asbest oder ähnlichem belastet wäre, denn so etwas haben wir nicht eingebaut.« Die offizielle Begründung für die Zerstörung des Palasts der Republik nach dem Anschluss der DDR lautete damals: Asbestverseuchung.

Unterstützung erhielt die Kundgebung am Sonnabend auch von der früheren Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch (Die Linke). Sie erinnerte daran, dass man ein Zentrum für Kultur und Sport brauche, auch für Begegnung und Gemeinschaft. »Es wird oft über Einsamkeit geklagt, und man will sogar ein Ministerium dagegen einrichten. Da fragt man sich doch: Warum werden solche Möglichkeiten, sich hier zu treffen, bedroht und abgerissen?« Lötzsch räumte ein, dass Berlin wachse und mehr Wohnungen benötigt würden. Zugleich stellte sie jedoch die Frage, ob dafür Gebäude wie dieses abgerissen werden müssten, damit hochpreisige Neubauten entstehen können. »Es gibt andere Möglichkeiten, angefangen bei einer großen Menge spekulativen Leerstands in Berlin«, sagte Lötzsch. Zudem gebe es weiterhin zahlreiche leerstehende Hotels und Einkaufszentren. Mit dem Wohnungsargument solle die Initiative zum Verstummen gebracht werden, kritisierte Lötzsch.

Das einstige Sport- und Erholungszentrum in Berlin-Friedrichshain war eines der Prestigeprojekte der DDR in Berlin. Der multifunktionale Gebäudekomplex für Sport und Unterhaltung mit dem beliebten Spaßbad wurde 1981 eröffnet. Er beherbergte eine Rollschuhlaufbahn, Sporthallen, eine Bowlinganlage, Ballspielplätze, Ballettsäle, mehrere Bühnen, eine Kampfsportschule und sogar eine sportmedizinische Praxis.

Nach 1990 galt der Ort offenbar nicht als förderwürdig und wurde 2002 symbolisch für einen Euro an einen Investor verkauft – Geschichten, wie sie im Osten Deutschlands nur allzu bekannt sind. Nach vielen rechtlichen Auseinandersetzungen konnte das Land Berlin das Gebäude wieder in die öffentliche Hand überführen. Seit 2024 gehört es der BIM, dem Berliner Immobilienmanagement. Diese plant derzeit den Bau von 500 Wohnungen und einer Schule auf dem Gelände. Die Bürgerinitiative dagegen möchte ihr Freizeit- und Sportzentrum behalten und so auch ein Stück Berliner Geschichte bewahren.

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