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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Ostmoderne erhalten

»Das SEZ ist der sportliche kleine Bruder des Palastes der Republik«

Der Berliner Senat will das Sport- und Erholungszentrum abreißen. Ein Gespräch mit Aktiven der Bürgerinitiative »SEZ für alle«
Von Daniel Hager
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Progress der Abrissarbeiten des Sport- und Erholungszentrums, Stand Januar 2026

Das SEZ wurde 1981 nach zweijähriger Bauphase eröffnet, nicht als Luxusprojekt, sondern als öffentliches Angebot für alle Berliner – auch für Westberliner. Welche Idee stand hinter dem Bau, und was unterschied ihn von heutigen kommerziellen Angeboten?

: Die Grundidee war, den Familien im dicht besiedelten Arbeiterbezirk eine attraktive, wohnortnahe Erholung zu bieten. Das Angebot war so durchdacht und weitsichtig, dass es Menschen von weit über Berlin hinaus anlockte. Dieses Konzept ist bis heute beeindruckend und erhaltenswert.

: Es war ein echtes Volkshaus und für jeden bezahlbar, da es als Teil der Daseinsvorsorge subventioniert wurde. Das Angebot reichte vom Kindersportgarten über das Wellenbad bis hin zu Seniorenprogrammen – es war wirklich für alle Generationen gedacht.

: Man kann das SEZ als den sportlichen kleinen Bruder des Palastes der Republik betrachten. Während der Palast die Hochkultur bediente, lag hier der Fokus auf dem Sport. Wir sollten den Fehler der nuller Jahre nicht wiederholen und das SEZ retten, anstatt es wie den Palast verschwinden zu lassen.

Was ist für Familien und Jugendliche mit der Schließung konkret verloren gegangen?

S. L.: Enorm viel. Wir hatten acht Schwimmbecken, vom Wellenbecken bis zum Therapiebecken. Die Eisbahn, die im Sommer zur Rollschuhbahn wurde, war technisch visionär. Ergänzend gab es eine große Sporthalle für Mannschaftssport, Badminton und Tischtennis, eine Bowlinganlage mit 16 Bahnen sowie vielfältige Gastronomie, einen Ballettsaal und Räume für Kunstzirkel. Im Außenbereich konnte man Kegeln, Boccia, Minigolf und weiteres spielen.

A. B.: Ein breites, niederschwelliges Angebot ermöglichte Kindern ein positives erstes Sporterlebnis. Wer sich früh ausprobieren kann und wohlfühlt, entwickelt eher eine dauerhafte Freude an der Bewegung. Das ist heute so aktuell wie damals. Die Badelandschaft war kein gewöhnliches Hallenbad, sondern bot Kaskadenbecken und Solarien. Es gab sogar einen Friseur und tägliche Veranstaltungen wie die SEZ-Disco oder das Mitternachtsschwimmen. Das Haus war ein gutgelaunter und entspannter Ort der Begegnung für Jedermann.

S. L.: Die Kapazität war beeindruckend: Der Komplex war für 18.000 Menschen täglich ausgelegt, wobei regelmäßig 10.000 Gäste vor Ort waren. Es handelte sich um einen echten Sportcampus.

Zu DDR-Zeiten arbeiteten dort über 900 Menschen. Fachleute sehen im SEZ ein herausragendes Beispiel der architektonischen DDR-Moderne. Warum ist ein Abriss ein solcher kulturpolitischer Einschnitt?

S. L.: Eine Professorin der Technischen Universität verglich es zuletzt mit dem Pariser Centre Pompidou: Über 150 Fachleute fordern in einem offenen Brief den Erhalt. Die Architektenkammer nennt es eine Ikone der Ostmoderne.

A. B.: Trotz der Größe besitzt das Gebäude eine Leichtigkeit. Die Bereiche sind fließend miteinander verbunden, und die Öffnung zum Park hin schafft einen Übergang zwischen Natur und Stadt. Die Konstruktion aus Fachwerkbindern und riesigen Glasflächen flutet die Hallen mit Licht, was architektonisch sehr ergreifend wirkt.

Was viele nicht wissen: Das SEZ war ein gesamtdeutsches Bauprojekt.

S. L.: Ja, die Entstehungsgeschichte ist spannend. Der in den Westen gegangene Architekt Günter Reiß plante es für Hochtief, ohne selbst vor Ort sein zu können. Durch die Kombination aus DDR-Bauleitung, westdeutscher Planung und schwedischen Zulieferern war es ein internationales Vorzeigeprojekt auf der Höhe der Zeit.

S. L.: Wir kämpfen gegen die anhaltende Geringschätzung dieses Komplexes. Ein Denkmalschutzgutachten aus dem Jahr 2022 hat den architektonischen und historischen Wert des SEZ im Detail beleuchtet und wurde vom Senat lange als bloßes »Arbeitspapier« unter Verschluss gehalten. Erst über das Informationsfreiheitsgesetz wurde es öffentlich zugänglich.

Der geplante Abriss erinnert an die Zerstörung des Palastes der Republik oder den aktuellen Fall der Demontage des Stadions im Jahn-Sportpark. Sehen Sie ein Muster im Umgang mit DDR-Bauten?

V. V.: Da man den Dialog mit der Bevölkerung verweigert, können wir über die Beweggründe nur mutmaßen. Ob es nun Hass auf positive DDR-Errungenschaften oder der Verwertungsdruck auf innerstädtische Filetgrundstücke ist – beides spielt wohl eine Rolle. Ersteres wird wohl eine große Rolle spielen – sonst wären ähnliche Objekte in Westberlin und im Rest des Landes wohl ebenfalls verschwunden.

S. L.: Es ist eine Kombination. Als Wohnbaugrundstück ist die Fläche um ein Vielfaches wertvoller als für Sportzwecke. Hinweise dazu bekamen wir direkt aus der Politik – es geht sicherlich darum, dieses Grundstück noch mal viel wertvoller zu machen.

Das SEZ wurde 2003 unter Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) für einen Euro an einen privaten Investor verkauft, der seinen Verpflichtungen nie nachkam. Erst vor kurzem kam der Komplex zurück an das Land Berlin. Dort heißt es nun, man könne hier Raum für Schulen und Wohnungen schaffen – warum halten Sie es für falsch, Wohnen, Sport, Freizeit und kulturelle Infrastruktur gegeneinander auszuspielen?

V. V.: Würde es dem Senator wirklich um die Wohnungsnot gehen, müsste er den massiven Leerstand bei Büro- und Wohnflächen angehen. Es gibt genug Raum, ohne dafür mitten in einem Park bauen zu müssen. Zusätzliche Wohnungen ohne die nötige soziale Infrastruktur würden die Probleme in diesem dicht besiedelten Kiez sogar noch verschärfen.

S. L.: Die jetzige Planung des Senats entspricht fast exakt den alten Abrissplänen des Investors Löhnitz. Schon bei der Privatisierung wusste man, dass Löhnitz bereits an anderen Standorten Bäder nicht saniert, sondern zweckentfremdet hatte – auf das SEZ-Grundstück sollten ein Hotel und eine Tankstelle.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wollte die Fläche für Sport erhalten, doch der Senat setzte sich dagegen durch. Wie kam es dazu?

S. L.: Laut Sportinfrastrukturkonzept ist der Bezirk bei Schwimmflächen komplett unterversorgt. Dennoch hat der Senat das Projekt wegen »gesamtstädtischen Interesses« an sich gezogen und Wohnungen eingeplant, basierend auf einem völlig veralteten Bebauungsplan. Dass das Gelände überhaupt an das Land zurückfiel, ist nur dem Druck von Bürgerinitiativen und vom Bund der Steuerzahler zu verdanken.

Was hat es mit dem geplanten Schulneubau auf sich?

S. L.: Das wirkt wie eine rechtliche Trickserei. Offiziell sinken die Bedarfe an Grundschulplätzen sogar. Nun soll eine Grundschule gegen ihren Willen auf das SEZ-Gelände umziehen, während 500 Meter weiter eine teure temporäre Drehscheibenschule gebaut wurde. Das ist logisch nicht nachvollziehbar und produziert Leerstand an anderer Stelle.

A. B.: Der Widerspruch ist enorm: Das Sportinfrastrukturkonzept zeigt für diesen Kiez »dunkelrot«, also maximalen Bedarf an Sportflächen. Berlin wächst, aber die Freizeitflächen pro Kopf sinken. Wir brauchen solche Begegnungsflächen als soziale Anker gegen Einsamkeit. Mit dem Abriss vergibt Berlin die Chance auf ein echtes Aushängeschild für Lebensqualität.

Bausenator Christian Gaebler (SPD) sagte, Berlin brauche kein weiteres »Spaßbad«. Wie schätzen Sie seine Rolle ein?

A. B.: Er ist selbst Vereinsmensch, zeigt aber beim SEZ keinerlei Aufgeschlossenheit. Als Stadtentwicklungssenator müsste er gerade bei knappen Kassen prüfen, wie man vorhandene Substanz effizient weiternutzt. Statt dessen werden unsere Argumente und Einladungen zum Dialog konsequent ignoriert.

Wenn sich herumspricht, dass ein SPD-Bausenator das SEZ abreißen will, würde sich das wohl auch auf die Wahlen nächstes Jahr auswirken?

V. V.: Die Wissenschaft steht Schlange. Universitäten wollen das SEZ als Forschungsgegenstand für nachhaltiges Bauen, Soziologie und Architektur erhalten.

S. L.: Wir haben ständig Besuch von Studierenden. Internationale Gäste verstehen überhaupt nicht, warum man so ein Zentrum abreißen will. Das hat nichts mit »Ostalgie« zu tun; jeder unvoreingenommene Mensch erkennt das enorme Potential dieses Standorts.

Denken Sie, die Verbandsklage, das SEZ unter Denkmalschutz zu stellen, wird Erfolg haben?

A. B.: Das kann nur der Anwalt beurteilen, ob die Klage zugelassen wird. Aber die Fachwelt hat durch verschiedene Gutachten belegt, dass dieses Gebäude alle Bedeutungskategorien des Berliner Denkmalschutzgesetzes erfüllt. Dass es noch nicht unter Denkmalschutz steht, liegt einzig am Druck des Bausenators.

Das vollständige Gespräch ist auf dem Youtube-Kanal von junge Welt veröffentlicht.

Anja Berau ist eine Anwohnerin, die das SEZ aus sämtlichen Betriebsphasen persönlich kennt. Seit etwa einem Jahr engagiert sie sich aktiv in der Bürgerinitiative »SEZ für alle«, um den Erhalt des Gebäudes zu unterstützen.

Susanne Lorenz initiierte vor zwei Jahren eine Petition für das SEZ, nachdem Pläne gegen eine Wiederaufnahme des Schwimmbadbetriebs bekannt wurden. Sie vernetzt verschiedene Akteure und Organisationen, um den politischen Druck für den Erhalt des Standorts zu erhöhen.

Volkmar Vogel ist ein Anwohner aus Friedrichshain, der das SEZ als ehemaliges Volkseigentum in der gemeinschaftlichen Verantwortung der Bürger sieht. Sein Ziel ist es, der Resignation in der Bevölkerung entgegenzuwirken und Menschen für den Protest zu mobilisieren.

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