Was macht den Club historisch so einzigartig?
Interview: Gitta Düperthal
Der Club Voltaire, ein Treffpunkt der Linken mitten in der Finanzmetropole Frankfurt am Main, soll schließen. Seit 1962 ist er Ort politischer Debatten und internationaler Musik. Die Eigentümer wollen das Haus verkaufen. Wie kam es dazu?
Der Club Voltaire war seit 64 Jahren Mieter eines 160 Jahre alten Hauses im Privatbesitz. Nun entschieden die Eigentümer in der dritten Generation, das Mietverhältnis zum Jahresende 2026 zu beenden und das Haus zu verkaufen. Der Club, gleich neben der Alten Oper in der Innenstadt, ist ein Stachel im Hintern der Finanzwelt und wichtig für die politische Entwicklung der Stadt. Wir genießen diese Lage. In den oberen zwei Etagen nutzen 35 antifaschistische, ökologische oder linke Gruppen Veranstaltungsräume. Ob »Rock gegen rechts« oder der Verein »Städtefreundschaft Frankfurt–Kobanê«, der sich im Club gründete: Man trifft sich und diskutiert hier. Danach können die Beteiligten unten ein Bier oder eine Cola trinken und sich unterhalten. Im Erdgeschoss ist eine Kneipe mit Gastronomie. Hier laufen auch Diskussionen und Musikveranstaltungen. Ganze Generationen in Frankfurt verbinden diesen Ort mit ihrer politischen Sozialisation. Der Club ist weit über die Grenzen der BRD hinaus interessant. Gäste aus Fernost steuern mit ihrem Reiseführer unser Lokal an. Kauft nun ein Investor das Gebäude, wird er es abreißen, um den Kaufpreis wieder herauszuholen.
Sie appellieren an die Stadt, die den Club fördert, das Haus zu kaufen. Die Frankfurter Minderheitsregierung aus Grünen, SPD und Volt könnte zusammen mit der Linke-Fraktion und anderen eine Mehrheit dafür aufbringen. Warum tut sie es nicht?
SPD-Kulturdezernentin Ina Hartwig ist dafür aufgeschlossen. Aber der Club ist politisch umstritten. Dagegen äußert sich Uwe Becker von der CDU, der stets den Antisemitismusvorwurf anbringt, wenn es beim Palästina-Konflikt zur Kritik an Israel kommt. Dabei hatten wir den Frankfurter Bürgermeister sogar eingeladen, sich mit Micha Brumlik, ehemals Leiter des Fritz-Bauer-Instituts, zum Thema zu streiten. Frankfurt ist eine liberale Stadt, wir leben hier nicht unter einem Präsidenten Donald Trump. Streitkultur zu politischen Themen wird bei uns großgeschrieben, wir wollen sie weiterhin pflegen. Die CDU aber wendet sich gegen den Club, der würde die Stadt angeblich zwei Millionen Euro kosten. Falsch! Es wird sogar eine Rendite geben, wir zahlen Miete.
Spielen die Kommunalwahlen in Hessen am 15. März dabei eine Rolle?
Die CDU nutzt dies, um Kante gegen links zu zeigen. Teile der SPD blinken rechts und spekulieren, nach der Wahl mit ihr regieren zu können. Man will sich offenbar nicht festlegen.
Wäre der Club mit anderen Optionen zu retten?
Wir könnten über die Gründung einer »Kleine-Hochstraße-5-GmbH« mit Krediten von Freunden des Clubs versuchen, das Haus zu erwerben. Wir sammeln Kreditzusagen, die fällig würden, wenn ein Notartermin mit dem Verkäufer vereinbart ist. Der Rückfluss ist ermutigend. Mieteinnahmen des Clubs würden wir als Zinsen ausschütten: Jeder erhielte 2,5 Prozent jährlich. Für Vereine und Stiftungen wäre es eine Möglichkeit, ihr Geld langfristig anzulegen. Die Sicherheit wäre das Haus. Durch den Verkauf würde der Kredit nach 40 Jahren getilgt. Oder wir suchen nach norddeutschem Vorbild einen »Reemtsma« als Sponsor. Die aus unserer Sicht letzte gangbare Option wäre: andere Räume in der Innenstadt zu suchen.
Was macht den Club historisch so einzigartig?
Seit der Gründung spielten Menschen, die aus friedenspolitischer Sicht aus der SPD ausgeschlossen waren, eine Rolle. Die Befreiungsbewegung aus Algerien war hier aktiv, auch US-Soldaten, die nicht in den Vietnamkrieg wollten. Kontakte zur DDR waren relevant, Künstlerinnen und Künstler wie die Schriftstellerin Anna Seghers traten im Club auf. Der griechische Komponist Mikis Theodorakis spielte bei uns Klavier. Der Club sorgte dafür, dass streitbare Positionen ausgetauscht wurden. Wir müssen ihn erhalten.
Lothar Reininger war viele Jahre lang Vorsitzender des Vereins Club Voltaire und steht der Initiative »Rettet den Club« vor
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