Auftrag: Antikommunismus
Von André Scheer
Wir veröffentlichen an dieser Stelle in Erinnerung an André Scheer einen redaktionell bearbeiteten Text, basierend auf seiner Reihe »Klassenkampf im Äther. 100 Jahre Rundfunk in Deutschland«. Die Reihe ist als Buch unter www.jungewelt-shop.de erhältlich. (jW)
Die Gründung des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS) war eine Reaktion auf die sich zuspitzenden Gegensätze zwischen den Siegermächten. Unmittelbar nach der Einnahme Berlins im Mai 1945 hatte die Sowjetunion begonnen, den Rundfunkbetrieb in der Stadt wieder aufzunehmen. Als die Westalliierten im Sommer 1945 entsprechend den Beschlüssen der Konferenzen von Jalta und Potsdam die Kontrolle über ihre Sektoren übernahmen, strahlte der Berliner Rundfunk bereits ein Vollprogramm über den einzigen funktionsfähigen Sender der Hauptstadt aus. Ebenso hatten die Briten unmittelbar nach der Befreiung der Hansestadt den örtlichen Sender als Radio Hamburg wieder in Betrieb genommen. An einem gemeinsamen Rundfunkprogramm für ganz Deutschland hatten die westlichen Alliierten 1945 kein besonderes Interesse, auch wenn diese Frage bei den Sitzungen der gemeinsamen Verwaltungsgremien der Alliierten regelmäßig auf der Tagesordnung stand. Insbesondere Frankreich verfolgte die politische Linie, gesamtdeutsche Institutionen nach Möglichkeit zu verhindern. Von daher greift die heute oft anzutreffende Darstellung zu kurz, die Gründung des RIAS sei eine Reaktion auf die Weigerung der Sowjets gewesen, den Berliner Rundfunk für die Westmächte zu öffnen, zumal etwa die Briten auch nicht auf die Idee kamen, der Sowjetunion Zugriff auf den Hamburger Sender zu gewähren, und die USA Programme aus Moskau weder in München noch in Bremen zuließen.
In Berlin hatten die USA im November 1945 den Aufbau eines eigenen Senders für ihre Zone angeordnet. Da es an funktionierenden Anlagen noch fehlte, wich man zunächst auf das Telefonnetz aus und verbreitete ab dem 7. Februar 1946 ein Drahtfunkprogramm (DIAS). Am 5. September 1946 wurde dann als Provisorium ein fahrbarer Mittelwellensender in Betrieb genommen, den man aus Wehrmachtsbeständen erbeutet hatte. Das war die eigentliche Geburtsstunde des RIAS. Die Kontrolle übernahm die Information Control Division der US-Militärregierung.
Grenzen der Freiheit
Die Freiheit der »freien Stimme der freien Welt« kannte von Beginn an Einschränkungen, wenn Journalisten den US-amerikanischen Aufsehern nicht scharf genug antikommunistisch auftraten. So wurden im Januar 1948 die RIAS-Leiterin Ruth Norden und der Kontrolloffizier Harry Freman abberufen. Ziel der Operation war es, den RIAS auf kompromisslosen Antikommunismus zu trimmen. Damit beauftragte US-General Lucius D. Clay seinen Geheimdienstchef William Heimlich. Man müsse »die Samthandschuhe ausziehen und den Russen endlich resoluter begegnen«. Clay: »Ab jetzt wird zurückgesendet! Vergleichen Sie es mit einem Sonderkommando in einem Kampfeinsatz.« Die Sendezeiten wurden ausgedehnt, die Leistung der Strahler erhöht, neue Sender in Hof und München sorgten dafür, dass der RIAS in der gesamten Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR zu empfangen war. Nun gab man auch militanten Organisationen wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« Sendezeit. Die antikommunistische Gruppierung, die bis 1958 Anschläge und Sabotageakte in der DDR verübte, war von den Westalliierten offiziell als Verein zugelassen worden und wurde vom US-Auslandsgeheimdienst CIA kontrolliert und finanziert.
Die CIA hatte ohnehin ihre Finger mit im Spiel, wie aus Dokumenten hervorgeht, die auf der Grundlage des »Freedom of Information Act« der Öffentlichkeit freigegeben wurden. So heißt es in einem Schreiben eines Generalmajors R. C. Partridge an CIA-Chef Allen Dulles vom 3. August 1953: »Es ist eine bekannte Tatsache, dass die US-Regierung außerordentlich, geheimdienstlich, von den Aktivitäten des RIAS und dem Ansehen, das er unter der Bevölkerung der Sowjetzone gewonnen hat, profitiert. Die Direktoren des RIAS haben eine sehr kooperative Haltung gegenüber den in Berlin operierenden US-Nachrichtendiensten an den Tag gelegt.«
Anlass des Schreibens war eine Kritik aus den USA am Verhalten des RIAS während der Unruhen in der DDR am 17. Juni 1953. In seinem antikommunistischen Eifer wollte US-Senator Joseph R. McCarthy RIAS-Chef Gordon A. Ewing vor das »Komitee für unamerikanische Umtriebe« zitieren, weil er ihm unterstellte, den Aufstand nicht genügend unterstützt zu haben. Das sorgte für Bestürzung in Westberlin. Bürgermeister Ernst Reuter bot eigens an, in einem offenen Brief die antikommunistische Haltung Ewings zu bezeugen. Letztlich entging Ewing dem Ansinnen McCarthys. Denn eine Anhörung hätte letztlich nur ergeben können, dass es den »Volksaufstand« in der DDR ohne den RIAS so nie gegeben hätte. Das räumten Jahrzehnte später auch führende Mitarbeiter wie der damalige Chefkommentator Egon Bahr ein.
Bereits am 15. Juni 1953 hatte der RIAS als erster und zunächst einziger Rundfunksender begonnen, über Proteste auf Baustellen in Ostberlin zu berichten. Die Informationen darüber habe man telefonisch erhalten, hieß es später. Am folgenden Tag berichtete der Sender ausführlich über den Streik der Bauarbeiter in der Stalinallee und über deren Demonstration zum Haus der Ministerien. Die Reporter machten keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für die Aktionen und verbreiteten immer wieder, dass sich die Forderungen der Demonstranten nicht mehr auf den Protest gegen die bereits zurückgenommenen Normerhöhungen beschränkten, sondern inzwischen Rufe nach dem Rücktritt der SED-Regierung und freien Wahlen laut geworden seien. Außerdem meldete der RIAS, dass am Nachmittag eine dreiköpfige Delegation der Demonstranten im Sender erschienen sei und um die Verbreitung ihrer Forderungen gebeten habe. Was der RIAS damals nicht mitteilte war, dass diese Forderungen überhaupt erst im Studio des Senders mit Hilfe der Redakteure formuliert wurden.
Ab dem Nachmittag des 16. Juni konzentrierte sich das Programm des RIAS vollständig auf die Entwicklungen in der DDR. Mehrfach wurde ein Aufruf von Programmdirektor Eberhard Schütz an die Bevölkerung in der »Sowjetzone« ausgestrahlt: »Macht euch die Ungewissheit, die Unsicherheit der Funktionäre zunutze. Verlangt das Mögliche – wer von uns in Westberlin wäre bereit, heute zu sagen, dass das, was vor acht Tagen noch unmöglich schien, heute nicht möglich wäre.« Der Schriftsteller Erich Loest, der die Ereignisse damals in der DDR am Rundfunkgerät verfolgte, war von der entscheidenden Wirkung dieser Sendungen überzeugt: »Wenn der RIAS nicht vom Nachmittag des 16. Juni an stündlich von den Ereignissen im Ostteil Berlins berichtet hätte, wenn nicht vom bevorstehenden Generalstreik die Rede gewesen wäre und von einem Aufruf, den Arbeiter aller Industriezweige angeblich an die Ostberliner gerichtet haben sollten, sich am 17. Juni um sieben Uhr auf dem Strausberger Platz zu versammeln, wäre die Kunde nicht über die DDR hinausgeflogen. Ohne den RIAS, das war keine Frage, wäre es in Magdeburg und Leipzig, Halle und Görlitz still geblieben.«
Die CIA sendet
Die Rolle des RIAS war für die US-Administration Vorbild für weitere Propagandasender, die sich gegen das sozialistische Lager wendeten. Von München aus sendete seit 1950 Radio Free Europe (RFE) in den Sprachen der zum »Ostblock« gezählten Länder Mittel- und Osteuropas, 1953 folgte das gegen die Sowjetunion gerichtete Radio Liberation, das sich später in Radio Liberty (RL) umbenannte. Hinter RFE stand offiziell die Vereinigung »Kreuzzug für die Freiheit«, der 26 Millionen US-Bürger angehört haben sollen. Erst Anfang der 1970er Jahre räumte Washington ein, dass RFE und RL von Anfang an vor allem von der CIA finanziert worden waren und private Spenden nie mehr als einen Bruchteil der Einnahmen ausmachten. Der US-Senat entzog dem Geheimdienst daraufhin die Zuständigkeit für beide Sender. Von nun an kam das Geld direkt vom Kongress. An der Einmischung in Osteuropa änderte das nichts.
Als die Aufgabe des RIAS mit dem Ende der DDR 1990 erreicht war, stand auch der Weiterbetrieb von RIAS 1 und dem 1953 zusätzlich vor allem dem Unterhaltungs- und Musikprogramm gewidmeten Sender RIAS 2 zur Disposition. Letzterer wurde im Sommer 1992 privatisiert und in RS2 unbenannt. RIAS 1 sendete noch bis zum 31. Dezember 1993 und ging dann zusammen mit dem Deutschlandsender Kultur und dem Deutschlandfunk im Deutschlandradio auf.
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