Leitmesse für Krieg und Genozid
Von Lena Schmailzl
Deutschland ist auf Kriegskurs. Das zeigt sich auch an immer mehr und immer größeren Kriegsmessen in unseren Städten. Die »Enforce Tac« in Nürnberg ist eine davon. Sie präsentiert sich als »Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung«. Mit mehr als 1.400 Ausstellern aus 54 Ländern und etwa 20.000 erwarteten Besuchern wird sie in diesem Jahr so groß sein wie nie zuvor. Programmatischer Auftakt soll am Montag eine Rede des Bundeswehr-Brigadegenerals Volker Pötzsch sein.
Mit dabei sind deutsche Rüstungsriesen wie Diehl, Heckler & Koch und Rheinmetall, aber auch viele Firmen, die noch eine zivile Sparte haben, wie Canon oder Uvex, sowie zahlreiche Verbände wie die »Deutsche Polizeigewerkschaft«. Auch das Unternehmen ATG Kriminaltechnik ist vertreten. Als Logo hat es den »Punisher«-Totenschädel gewählt, ein unter extrem rechten Kräften in Polizei und Militär verbreitetes Symbol aus der Welt der Marvel-Comics. Die Firma vertreibt unter anderem Patches, auf denen in altdeutscher Schrift zu lesen ist »Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert« (Matthäus 10, 34) oder in moderner Variante zwei gekreuzte Scharfschützengewehre mit der Aufschrift »from a place you will not see comes a sound you will not hear« (»von einem Ort, den du nicht siehst, kommt ein Geräusch, das du nicht hörst«).
Selten wird das Geschäft mit dem Tod so offensichtlich wie im Konzept dieser Messe. Bereits seit drei Jahren wirbt die »Enforce Tac« mit einem ganz besonderen Highlight: dem »Enforce Tac Village«. Eine der insgesamt sieben Messehallen wird genutzt, um hier zivile Räume aufzubauen, in denen dann Krieg gespielt wird. Die Idee: Waffen und sonstiges Kriegsgerät sollen nicht nur an den Verkaufsständen, sondern »im Einsatz« präsentiert werden. Die Szenarien werden dabei live kommentiert. Auf der Homepage der Messe klingt das dann so: »Präsentieren Sie Ihre Produkte mitten im Geschehen – live auf der Enforce Tac Village Stage (…) eingebettet in authentische Szenarien, entwickelt von aktiven und ehemaligen Einsatzkräften aus Militär und Polizei. Machen Sie Ihr Produkt erlebbar – live, authentisch und praxisnah!« Damit knüpft die Kriegsmesse an eine gängige Vermarktungsstrategie der Rüstungsindustrie an: das Versprechen, die Waffen seien »einsatzerprobt« oder »battle proven«.
Besonders wirksam wird dieses Verkaufsargument bei israelischen Rüstungsproduzenten. Von neun bzw. 18 israelischen Herstellern in den letzten Jahren ist deren Zahl in diesem Jahr auf über drei Dutzend gestiegen. Außerdem wird ein eigener »Israel National Pavillion« errichtet. Zu den Ausstellern gehört die Firma Rafael, die 2025 ein Werbevideo veröffentlichte, auf dem zu sehen war, wie das beworbene Drohnensystem einen Menschen in Gaza verfolgt und dann ermordet. Zahlreiche weitere Aussteller bei der Messe wie Rheinmetall und Elbit werben mit einer besonders hohen »hit-kill ratio« oder einer »enhanced lethality« – einer verbesserten Tödlichkeit.
Die Stadt Nürnberg präsentiert sich nach außen gerne als »Stadt des Friedens und der Menschenrechte«, aber sie stellt die Räume für die Messe zur Verfügung. Das Messegelände gehört zu jeweils 49,9 Prozent der Stadt Nürnberg und dem Freistaat Bayern. Mehrere Stadträte von CSU, SPD und Grünen sitzen im Aufsichtsrat der Messe, der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König (CSU) sitzt im Vorstand. Erstmals ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in diesem Jahr Schirmherr. Die »Enforce Tac« scheut auch nicht davor zurück, neben den Kriegsszenarien auf ein »Awareness«-Konzept inklusive »Safer Space« zu verweisen. »Gemeinsam achtsam« lautet die Überschrift.
Doch gegen die zynische Vermarktung von Krieg wird Protest laut. Nachdem es einige Jahre still um die Messe gewesen war, kam aus der Palästina-Solidaritätsbewegung der Anstoß, hier aktiv zu werden. Seit inzwischen drei Jahren gibt es jährlich Aktivitäten gegen die Messe. Die Kampagne »Enforce Tac absagen« plant unter anderem eine Kundgebung direkt vor der Messe. Eine Mailkampagne wurde gestartet, in der mit wenigen Klicks Protestmails an die Verantwortlichen von Stadt und Messe verschickt werden können. Bei Gesprächen an Infoständen und bei Flyerverteilungen wird deutlich, wie viele Menschen diese Kriegsmesse ablehnen.
Ein weiterer Punkt der Arbeit gegen die »Enforce Tac« sind erste vorsichtige Ansätze der Aktivierung von Arbeiterinnen und Arbeitern: Durch Hotels, Catering, Security, Reinigungsfirmen und Transport sind viele Menschen über ihre Arbeit mit der Messe verbunden. Vielen ist bisher nicht bewusst, worum es hier geht. Teilweise mussten palästinensische Beschäftigte feststellen, dass sie bei der Messe die Sicherheit für die Firmen übernehmen sollen, die die Waffen herstellen, mit denen ihre Familien ermordet wurden. Als sie sich daraufhin an den Protesten gegen die Kriegsmesse beteiligten, erhielt mindestens ein Kollege Hausverbot und in der Folge kaum noch Aufträge bei der Sicherheitsfirma.
Diese Reaktion zeigt vor allem den Schwachpunkt der Messe: Ohne Hunderte solcher Menschen könnte diese Kriegsmesse nicht stattfinden. Eine klare Forderung bei den Protesten ist daher: Niemand darf gezwungen werden, für eine Kriegsmesse zu arbeiten.
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