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Aus: Ausgabe vom 19.02.2026, Seite 2 / Inland
Waffenmesse in Nürnberg

Was ist eigentlich das »Tactical Village«?

Rüstungskonzerne bewerben bei der Messe »Enforce Tac« ihre Produkte als kriegserprobt, sagt Yuri Hofer
Interview: Hendrik Pachinger
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Auftritt der Kriegsprofiteure an der Außenfassade des Messezentrums der Stadt Nürnberg (24.2.2025)

Nächste Woche findet in Nürnberg die Waffenmesse »Enforce Tac« statt. Was läuft da genau?

Die »Enforce Tac« in Nürnberg gibt es seit 2011. Allerdings hat sich der Charakter der Messe im Laufe der Zeit gewandelt. Zwar war die Messe seit jeher ein Eldorado für Waffenfans, doch die politische Bedeutung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das sieht man nicht zuletzt an der Anzahl der Aussteller, die vor zehn Jahren bei lediglich 60 Ständen lag – heute sind es über 1.000. Folgerichtig dient sich nun auch Kanzler Merz als prestigeträchtiger Schirmherr an. Das Präsentieren neuester Militärtechnologie, die Vernetzung mit politischen Akteuren, das Ausschließen jeder Art von kritischer Berichterstattung prägen mittlerweile den Charakter dieser Kriegsmesse und machen sie wohl zur wichtigsten Austauschplattform von Kriegstreibern nach der Münchner Sicherheitskonferenz.

Wer stellt auf der Messe aus, und was ist eigentlich das »Tactical Village«?

Vertreten sind Rüstungskonzerne wie Elbit oder Rheinmetall, aber mit Kärcher oder der IHK auch Unternehmen, die man nicht unmittelbar mit Aufrüstung assoziiert. Es wird damit geworben, dass in einem »praxisnahen« Rahmen Kampfmittel präsentiert und ausprobiert werden können. Hierfür ist die »Enforce Tac Village Stage« vorgesehen. Zynisch genug, dass Elbit Systems aus Israel sich damit brüstet, dass ihr Material kriegserprobt sei. Mitten in der Zeit des selbst von der Mehrheit der UN-Staaten als Völkermord bezeichneten Krieges in Gaza kam ans Licht, dass Teile dieser simulierten Kriegsschauplätze wie ein arabisches Dorf aussahen. Das offenbarte den menschenverachtenden imperialistischen Charakter dieser »Messe« einmal mehr.

Bereits in den vergangenen beiden Jahren war die Messe Ziel von Protesten. Was ist in diesem Jahr geplant?

Das Messegelände liegt außerhalb der Stadt. Diese Tatsache sowie das Verbot von freier Presse sorgen dafür, dass viele Nürnberger nichts davon wissen, dass ihre Stadt die Leitmesse für Krieg und Waffenhandel beheimatet. Die selbsternannte Stadt des Friedens und der Menschenrechte geht mit dieser Tatsache nicht unbedingt hausieren. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis wollten wir das ändern. Bereits die Mobilisierung für die Demonstration am Samstag vor der Messe soll die Bevölkerung aufklären und zugleich den Druck auf die politisch Verantwortlichen erhöhen. Wie in den letzten Jahren wird es vom 23. bis zum 25. Februar von der Kampagne »Enforce Tac absagen« Aktionen direkt am Messezentrum geben.

Der Druck auf die Veranstaltung, die auf einem städtischen Gelände stattfinden wird, wächst. So war die Messe vorige Woche Thema im Stadtrat. Funktioniert es, auf allen Ebenen den Druck zu verstärken?

Das Ziel, Öffentlichkeit herzustellen, haben wir erreicht. Wir wollten die Kriegsmesse mitten in unserer Stadt zum Gespräch machen und Akteure spektrenübergreifend an einen Tisch bringen und so unsere Schlagkraft erhöhen. Wir sind nach wie vor überwältigt von der Resonanz auf unseren Aufruf. 40 Unterstützergruppen, die Stadtratsanfragen der Linken Liste und der Linkspartei, die die politisch Verantwortlichen gezwungen haben, sich zu rechtfertigen, und die dazu geführt haben, dass ein friedenspolitischer Beobachter zur Messe zugelassen werden muss – das sind alles Erfolge, mit denen wir so nicht unmittelbar gerechnet hatten.

Kommt also eine Bewegung gegen Krieg und Aufrüstung zustande?

Unsere Aktion, die im Rahmen der Kampagne »Ungehorsam jetzt« stattfindet, konnte nur so erfolgreich sein, weil es bei den bewussteren Menschen unserer Klasse auch ein Bedürfnis nach Widerstand gibt und in vielen Teilen der radikalen Linken die Erkenntnis, dass der Aufbau von Gegenmacht nur gemeinsam passieren kann. Wir erleben Kämpfe von unten, wie die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht oder die zentrale Bündnisdemo gegen die Münchner »Siko«. Wir erleben aber auch mehr Interesse in Gesprächen mit Menschen auf der Straße, die den Herrschenden schon lange nicht mehr vertrauen, wenn es um Frieden geht. Eine Bewegung gegen Aufrüstung und Militarisierung muss von unten kommen – und das tut sie langsam, aber sicher auch.

Yuri Hofer spricht für die ­Organisierte Autonomie (OA) Nürnberg

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