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Aus: Ausgabe vom 17.02.2026, Seite 5 / Inland
Aus für Wurstwerk in Britz

Eberswalder eiskalt abserviert

Abschied in Wut und Würde: Letzte Beschäftigte protestieren vor Werkstor der einst größten Fleischfabrik Europas. Tönnies-Konzern produziert Traditionswurst künftig andernorts
Von Michael Merz, Britz
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Kein Euro mehr für Tönnies: Die letzte Wurst vor dem Werkstor in Britz ist eine Thüringer Roster

Der Wind pfeift gnadenlos vor der heruntergelassenen Schranke des Fabrikkomplexes in Britz nahe Eberswalde. Eine dünne Schneedecke hat sich über den Parkplatz gelegt, der Frost die Landschaft mit ihren endlosen Feldern drumherum fest im Griff. Doch die Menschen, die hierherkommen, suchen Wärme. Und finden sie erst einmal am großen Grill, auf den säckeweise neue Kohle geworfen wird. Die Gewerkschafter der Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) feuern ihn an. Explizit garen an diesem Sonnabend, symbolisch ab Mittag fünf nach zwölf, keine Eberswalder Bratwürste auf dem Rost, sondern solche aus Thüringen. Kein Euro zusätzlich soll dem Fleischmagnaten Clemens Tönnies in den Rachen geworfen werden. Seit er das Eberswalder Werk übernommen hat, wurden die Beschäftigten schon genug durch »freiwilligen« Lohnverzicht geschröpft, mit Versprechungen auf den Bestand ihrer Arbeitsplätze abgespeist – nun werden die letzten 500 von ihnen zum Ende des Monats auf der Straße sitzen. In weniger als zwei Wochen.

Es sind immer mehr, die vors Werktor strömen. Menschliche Wärme in Form von Hunderten, die im Laufe des Nachmittags hinzukommen. Viele kennen sich, umarmen sich. Tränen sind selten, und wenn, dann schießen sie bei dieser als Trauerfeier deklarierten Protestkundgebung aus Wut in die Augen. »Von der Lehre bis zur Rente« habe sie hier gearbeitet, sagt eine Frau, die ein Schild hochhält, auf dem das grüne Firmenlogo mit Brandenburger Adler neben einem weinenden Emoji und der Aufschrift »War immer gut, die Wurst« zu sehen ist.

Eberswalder hat nicht nur die geprägt, die hier beschäftigt waren oder es noch wenige Tage sind. Die hiesigen Fleischprodukte gehören zum Osten wie Rotkäppchen und Riesa-Nudeln, zu den wenigen DDR-Traditionsmarken, die den Einzug des Kapitalismus überlebt haben und sich erhalten konnten, auch wenn stets in Berg- und Talfahrt. Für Frauke Hildebrandt zum Beispiel ist es die »totale Katastrophe, wie 37 Jahre nach der Wende, der damaligen Deindustrialisierung, der Betrieb nach zwei Jahren im Tönnies-Konzern knallhart abgewickelt wird«. Hildebrandt ist Professorin an der FH Potsdam und mit ihrem Vater Jörg vors Eberswalder Werkstor gekommen. Sie findet es »nicht in Ordnung, wie wenig man sich solidarisiert« heutzutage. In den 1990ern, da hätte es einen Aufschrei gegeben, ist sie sich sicher, jetzt seien die meisten Leute einfach »so abgegessen, dass sie sich nicht mehr aufregen können«. Sehr gut vorstellbar, dass ihre 2001 verstorbene Mutter Regine Hildebrandt – Ikone der ostdeutschen Politik und immer mit mindestens einem Ohr bei der Bevölkerung – hier am Werkstor lautstark Rabatz gemacht hätte. Brandenburgs Landwirtschaftsministerin ist zwar da, aber Frauke Hildebrandt, selbst SPD-Mitglied, vermisst tatkräftige Unterstützung aus der Landesregierung für die Menschen vor Ort. »Was soll nun werden, hier ist ja sonst nüscht?«

Es gibt ein Foto von Ministerpräsident Dietmar Woidke, wie er sich 2023 zur Eröffnung der Berliner »Grünen Woche« strahlend am Eberswalder-Stand präsentiert – im Jahr, als Tönnies übernahm. Was er heute zum Aus der Fabrik sagt, ist nicht bekannt, vor Ort jedenfalls kann man ihn nicht antreffen. »Das Land hat keine direkte Eingriffsmöglichkeit in betriebswirtschaftliche Entscheidungsprozesse«, lässt das Landwirtschaftsministerium auf jW-Anfrage wissen. Technokratisch heißt es, »in aller Regel« habe es »eine Diskrepanz zwischen Investitionsbedarfen und wirtschaftlicher Ertragssituation« gegeben. Und: »Diskutierte Förderoptionen sind daher meist wegen fehlender Umsetzbarkeit im Unternehmen nicht zum Tragen gekommen.« Und das Wirtschaftsministerium vergießt ein paar Krokodilstränen, die Situation »trifft viele Beschäftigte und ihre Familien schwer«. Und die Schultern beginnen zu zucken: »Es obliegt dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz nicht, den Inhalt des verhandelten Sozialplans und die Höhe der Abfindungen für die Beschäftigten im Rahmen der sozialpartnerschaftlichen Verhandlung zu bewerten.«

Was die Arbeiterinnen und Arbeiter an Abfindung für ihre oft jahrzehntelange harte körperliche Maloche bekommen, sind Peanuts – mickrige 15.000 Euro für 45 Jahre. Tönnies hat mit der Übernahme auch die Gesellschaft neu gegründet, die Jahre der Betriebszugehörigkeit schrumpften so deutlich. Damit wird die Abfindung für langjährig Beschäftigte und ein Drittel der ehemaligen Werkvertragsarbeiter faktisch halbiert. Für den NGG-Gewerkschafter Veit Groß ist hier vor allem auch die Bundespolitik gefragt, das Betriebsverfassungsgesetz müsse reformiert werden, um solche Effekte zu verhindern. »Der Paragraph 112 wird eindeutig im Sinne der Marktbereinigung missbraucht«, so Groß im jW-Gespräch. Demnach sind »Betriebe eines Unternehmens in den ersten vier Jahren nach seiner Gründung« von der Anwendung eines Sozialplans ausgenommen. Hinzu komme, dass im Werk nur knapp über dem Mindestlohn gezahlt wurde. »Immer wieder wurde gesagt, durch Lohnverzicht könnten die Jobs erhalten werden – ein schlechter Witz ist das!« 17 Millionen Euro seien nach NGG-Berechnungen so von den Beschäftigten über die Jahre in den Betrieb gesteckt worden, ergänzt sein Kollege, der Chef des Landesbezirks Ost, Uwe Ledwig, auf der Kundgebung am Sonnabend. Er war schon während der Insolvenz im Jahr 2000 dabei, entsprechend vorbelastet mit zwielichtigen Bossen. Als Milliardär Tönnies gekommen war, sei er gleich skeptisch gewesen. »Ihm ging es nur darum, sich die Marke zu sichern!«

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Harte Maloche, Lohnverzicht, dann mickrige Abfindung: Beschäftigte protestieren mit der NGG gegen die Betriebsschließung

Denn die ist äußerst beliebt – und wird weiter in Supermarktregalen zu finden sein. Oder auch beim 1. FC Union in Berlin-Köpenick. Dort wird seit 2010 die »Eiserne Stadionwurst« auf die Grillroste geworfen. Speziell für den Verein produziert ist sie, über der legendären Anzeigentafel des Vereins prangt ein riesiges Eberswalder-Logo. »Für den Stadionbesucher wird sich insofern nichts ändern, als dass sowohl die Marke als auch die Produkte weitergeführt werden«, teilt Christian Arbeit, Kommunikationschef des Fußballklubs, jW mit.

Nur dass die Eberswalder künftig, wenn denn für Tönnies alles nach Plan geht, von seiner Zur-Mühlen-Gruppe nicht mehr in Brandenburg, sondern in Chemnitz, Suhl und Zerbst vom Fließband laufen soll. Offenbar ist dazu aber noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn der Ausgang einer juristischen Auseinandersetzung um die Kollektivmarke »Eberswalder Würstchen« könnte das verhindern. Diese hatte sich nach eigenen Angaben die IHK Ostbrandenburg in den 90er Jahren gesichert. »Der Konzern darf nicht damit durchkommen, die regionale Marke einfach woanders herstellen zu lassen«, hofft Clemens Rostock, Landesvorsitzender der Grünen, im jW-Gespräch.

Die Produktionsverlagerung sei schon länger in Planung gewesen, sagt Thomas Bernhard, NGG-Referatsleiter und bundesweit zuständig für die Fleischwirtschaft. Bereits im vergangenen Sommer seien im Fleischbetrieb in Suhl eine neue Halle als Trockenlager angemeldet und außerdem eine neue Maschine gekauft worden – Vorboten des Umzugs. »Investitionen in Britz durch die Zur-Mühlen-Gruppe blieben hingegen aus«, so Bernhard zu jW. 20 Millionen Euro hätten reingesteckt werden müssen, hauptsächlich in eine neue Kühlanlage. »Tönnies kauft eben nur Betriebe, die nix kosten, dann macht er dicht.« Und so war das neue Jahr noch keine Woche alt, da kam der Konzern am 6. Januar mit der Hiobsbotschaft um die Ecke – das Werk hat zum 28. Februar, wie man schrecklich nüchtern sagt, »ausproduziert«.

Zurück am Werkstor. Glücklich die, die eine Perspektive haben oder immerhin Hoffnung auf einen neuen Job. Wie Silvio, der seit seiner Lehre ab 1995 jeden Arbeitstag aus Berlin kommt und dem nun »was in Aussicht« steht. Anders als den polnischen Kollegen am Rande der Protestaktion oder den älteren kurz vor der Rente, die mit ernsten Gesichtern in die Zukunft schauen. »Ein Alltag ohne soziale Demütigung – das ist das Grundrecht aller, ausnahmslos«, zitiert der NGG-Mann Uwe Ledwig die einstige Sozialministerin Regine Hildebrandt während seiner Rede, dann lässt er die »Internationale« abspielen.

Zuvor stand Thomas Gädicke am Mikrofon. Ihn kennt hier jeder, er kommt aus Britz und hat schon als Kind Rüben und Kartoffeln vom Acker geholt, bevor darauf 1977 das Kombinat gebaut und schließlich mit 3.000 vorwiegend weiblichen Arbeitern zur größten Fleischfabrik Europas wurde. Gädicke erinnert an den »sozialen Aspekt«, damals, als noch Leben in der Bude war. »Wisst ihr noch? In Antjes Kneipe, die Abende mit den jugoslawischen Arbeitern …« Seine Aufzählung ist lang. »Poliklinik, Ferienlager, Friseur, Haushaltstag – all das, was nicht ins Schema der Marktwirtschaft passt.« Gädicke kommt zum Schluss, aber eines ist ihm noch besonders wichtig. Unter dem Applaus seiner Kollegen mahnt er: »Bewahrt euch den Solidaritätsgedanken!«

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