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Aus: Ausgabe vom 17.02.2026, Seite 3 / Inland
Atomenergie

Welche Gefahr geht von den grenznahen Reaktoren aus?

Schweizer AKW: Es braucht ein grenzüberschreitendes Neuaufleben der Antiatombewegung, meint Martina Matt
Interview: Gitta Düperthal
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Unmittelbar hinter dem Atomkraftwerk Leibstadt erstreckt sich das deutsche Hochrheingebiet

Ein Gutachten des Trinationalen Atomschutzverbands, TRAS, warnt vor nuklearen Gefahren durch vier schweizerische Reaktoren in Grenznähe zu Baden-Württemberg. Was droht der dortigen Bevölkerung?

Auf Basis zurückliegender Untersuchungen wurde ein Katastrophenszenario bei diesen Atomkraftwerken in der Schweiz für verschiedene Wetterlagen simuliert. Sollte nicht zufällig Nordwind sein, wäre vor allem Süddeutschland betroffen. Ein AKW kennt keine Landesgrenzen. Ich kann zwei Kühltürme von mir zu Hause aus sehen, ich wohne von den vier grenznahen aktiven Kernkraftwerken nicht weit entfernt: zehn Kilometer von Leibstadt, 13 von Beznau I und II, von Gösgen etwa 20. Passierte in einem der Reaktoren ein Unfall, könnten weite Teile Deutschlands radioaktiv verseucht werden, vermutlich stärker als im Schweizer Gebiet. Wir in der Hochrheinregion wären auf jeden Fall betroffen.

Warum ist die von den grenznahen Reaktoren ausgehende Gefahr laut Gutachten so groß?

Die Schweiz betreibt die ältesten Reaktoren der Welt, die internationalen Sicherheitsnormen nicht entsprechen. Der älteste ist 57 Jahre alt, der neueste 41 Jahre. Zwar wird ständig nachgerüstet, sie sind aber nicht auf dem Stand heutiger Technik und Wissenschaft. Mit ihren Mängeln würden sie heute nicht mehr genehmigt. Sie sind auf 40 Jahre Betriebsdauer angelegt. Selbst bei gründlicher Modernisierung kann man den Reaktorkern ja nicht austauschen.

Wie könnte ein »Worst-Case-Szenario« aussehen? Müssten wie nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl Salat, Gemüse, Beeren oder Milch darauf überprüft werden, wieviel Becquerel radioaktive Substanz sie enthalten?

Schlimmstenfalls wären durch eine Verstrahlung wie bei den Katastrophen in Tschernobyl oder Fukushima ganze Landstriche für lange Zeit unbewohnbar. Es kommt darauf an, wieviel Radioaktivität freigesetzt, wohin und wieweit eine nukleare Wolke getrieben wird sowie wo sie sich entlädt. Bei starkem Wind könnten Städte wie Stuttgart oder Ulm betroffen sein und müssten vollständig evakuiert werden. Spielplätze müssten schließen. Landwirtschaft könnte nicht mehr betrieben werden.

Bundeskanzler Friedrich Merz, CDU, preist ständig die Atomenergie. Er wetterte, das Abschalten der bis dato letzten drei aktiven AKW in Deutschland sei »Irrsinn«. Was entgegnen Sie den Befürwortern eines Wiedereinstiegs in die Atomkraft?

Insbesondere angesichts der aktuellen Krisenlage ist Atomkraft eine unsichere, vor allem auch teure Energiequelle. Letzteres fällt kaum auf, weil sie mit Steuermitteln subventioniert wird. Die Entsorgung des Atommülls verursacht weitere Kosten und ist ungeklärt. Die Frage wird uns Jahrzehnte belasten. Die Ressource Uran als Kernbrennstoff ist endlich. Erneuerbare Energieträger sind sicherer, günstiger, nachhaltiger. In der Bundespolitik scheint das Thema der gefährlichen, grenznahen Uraltreaktoren eher randständig. Dabei müsste endlich politischer Druck auf die Schweiz erfolgen, sie abzuschalten.

Die EU-Kommission hat Atomkraft 2022 ein »grünes Label« als nachhaltige Übergangsenergie verpasst.

Das ist inakzeptabel. Unabhängig von den Gefahren ist Atomenergie durch den Uranabbau und die Transporte auch nicht CO2-frei. Wir hatten uns aber nicht durchsetzen können, der Lobbyismus war zu stark.

Gibt es in der Bevölkerung der BRD ein Bewusstsein dafür, dass es wieder einer Antiatombewegung bedarf? Und wie sieht es auf der Schweizer Seite damit aus?

Die deutsche Bevölkerung blendet die Gefahr in der Grenznähe aus: Die deutschen AKW sind ja abgeschaltet. Bisher ist kaum jemandem bewusst, dass eine radioaktive Wolke große Teile Deutschlands treffen könnte. Gut also, dass die Studie »Grenzenloses Risiko: Gefährdung Deutschlands durch schwere Unfälle in Schweizer Atomkraftwerken« im Juni 2025 veröffentlicht wurde. In der Schweiz gibt es Widerstand. Aber Geld regiert die Welt, viele im Kanton Aargau werden so eingelullt. Hanspeter Erne, Schweizer Gemeindeammann von Leibstadt, lässt sich in der Presse freudig zitieren: »Leibstadt und Kernkraft passen einfach zusammen.« Wir müssen weiter grenzüberschreitend organisiert Bewusstsein schaffen.

Martina Matt ist Vorsitzende der Ortsgruppe Murg-Laufenburg bei der Umweltschutzorganisation BUND im Hochrhein

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