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Aus: Ausgabe vom 16.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Swimmingpool

Berlinale. Homoerotische Verhältnisse: Mohammad Shirvanis iranischer Forumsbeitrag »Cesarean Weekend«
Von Manfred Hermes
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Zur Abwechslung etwas Ruhe in den brüchigen Verhältnissen

Im »And, towards Happy Alleys«, einer Doku über die Umbrüche im Iran, die 2023 auf der Berlinale lief, zeigte sich Mohammad Shirvani als Erotiker und halbnackter Faun mit Affinität zum Meer. Mit diesen Auftritten hatte der 1973 in Teheran geborene Filmemacher auch zentrale Motive seiner Arbeiten angerissen.

»Cesarean Weekend« beginnt aber mit einer stark agitierten Party nachts auf dem Balkon eines (vermutlich) Teheraner Hochhauses. Junge Menschen plappern und plaudern, die Frauen sind sommerlich leicht gekleidet, Männer laufen mit nacktem Oberkörper herum. Aber die Stimmung ist nicht überall ausgelassen, manche Beziehungen sind auch angespannt. Die von Milad (Milad Ahmadzadeh) und seiner Freundin Bita (Bita Jamshidi) ist in einer schwierigen Phase, sie können sich nicht mehr richtig leiden, trotzdem ist sie schwanger von Milad. Dann aber bilden die beiden auch ein Dreieck mit Armin (Armin Shirvani, er ist ein Sohn des Regisseurs). Ein Teil der Anspannung geht aber auch auf Milads erratisches Verhalten zurück, das auch von einer anscheinend multitoxischen Lebensweise herrührt.

Dann ist es auf einmal Tag, und die Szene verlagert sich ans Meer und in ein Haus mit Swimmingpool. Mit Nader und Peyman treten nun auch weitere, deutlich ältere Figuren auf. Nader ist der Coole, ein eher künstlerischer Typ, denn er steht im Pool neben seinem beleibten und sehr haarigen Jugendfreund mit einem Hut auf dem Kopf herum. Viele Jahrzehnte hat er als Komponist und Dirigent im Westen gelebt, ist dann aber in den Iran zurückgezogen. (Nader Mashayekhi, der Darsteller, ist tatsächlich Komponist, im Gegensatz dazu aber in Wien geblieben.) Der Freund will wissen, wieso. »Ich bin gerne von dieser Sprache umgeben; ich mag mich in Persisch unterhalten, gerade auch mit dir.« Nader trägt aber noch einen Wunsch mit sich herum: Irgendwann will er Mahlers Neunte in Teheran aufführen können.

Wasser ist hier in diesem Film nicht nur eine elementare Substanz, der Swimmingpool ist auch ein Inkubator für soziale, familiäre und erotische Zusammenhänge. Nader ist der Vater von Milad, Peyman der von Armin. Es scheint, als hätten sich die beiden einmal ähnlich nahegestanden wie ihre Söhne jetzt. Konflikte gibt es aber zwischen den Generationen; Milad wirft seinem Vater vor, ihn als Kind im Stich gelassen zu haben, als er in den Westen ging.

Das alles bleibt, wie anderes auch, nur angedeutet. Shirvani psychologisiert nicht, erklärt kaum mal was. Er hält sich auch nicht mit der Ausarbeitung erzählerischer Kontinuitäten auf, dementsprechend spielt die Chronologie öfter mal verrückt. Dass Shirvanis Filme eher vom Sensuellen und Physischen ausgehen, war bereits in »Fat Shaker« zu erkennen, in dem es auch schon so unruhig und brüchig zuging wie in »Cesarian Weekend«. Es gab da die gleiche hibbelige Fotografie vieler Nahaufnahmen von Mikrosituationen. Und es war dem Filmemacher auch 2013 schon gut gelungen, die Verhältnisse eines eher oberen gesellschaftlichen Stratums anzuspielen, ohne allzu detailreich zu werden.

Das aus »Cesarian Weekend« herausragende Verhältnis ist das von Milad und Armin und die recht explizite homoerotische Spannung zwischen den beiden. Zwar bleiben ihre Zärtlichkeiten eigentlich im Rahmen dessen, was unter Männern im Nahen Osten auch öffentlich zu zeigen üblich ist, ohne den Anflug eines Vorwurfs nach sich zu ziehen. Andererseits werden homosexuelle Akte im Iran bekanntlich mit dem Tod bestraft.

Aber in diesem Film wirkt vieles verwirrend verdreht und uneindeutig. Auch bei Tatsachen wie vorehelichem Sex bzw. Schwangerschaft, Drogen- und Alkoholkonsum würde man davon ausgehen, dass sich ihre Darstellung in dieser repressiven Theokratie von selbst verbietet.

Trotzdem wird alles das wie selbstverständlich und beinahe unbekümmert ausgebreitet. Shirvani spricht nie über Repression oder Kopftuch und klagt nicht an: »Ich wollte nicht einen Film über den Iran machen, der etwas beweisen will oder das Leiden zur Schau stellt.«

Erstaunlich ist dabei, und wird hier von den künstlerischen und filmästhetischen Dispositionen so sehr bestätigt wie vorangetrieben, wie die Modernität des Sozialen und der Verhaltensweisen als längst herrschende Normalität und nicht als Ersehntes präsentiert wird. Die Kosten dieser Unabhängigkeit sind aber wohl hoch. Das zeigen die prekären Umstände der Produktion (der Abspann verzeichnet mehr als ein halbes Dutzend Funktionen für Shirvani) sowie die abenteuerlichen Umstände seiner Anreise zur Berlinale (sie war nur über die Botschaft in Armenien möglich).

Übrigens wird das Thema Homosexualität in der Schlussequenz konkretisiert. Naders Fedora wird von den Wellen des Kaspischen Meers davongetragen. Was vermutlich eine Metapher ist, vielleicht aber auch nicht, wird von einigen Takten aus Mahlers Neunter begleitet. Das ist nun nicht mehr uneindeutig, die Verbindung zu »Tod in Venedig«, Thomas Mann oder Luchino Visconti wurde klar gesucht, nicht gefunden. In »Fat Shaker« hatte es Shirvani so ähnlich gemacht und mit Ted Cursons »Tears for Dolphy« Pasolinis »Teorema« einbezogen.

»Cesarean Weekend«, Regie: Mohammad Shirvani, Iran 2026, 93 Min., Forum, 14., 16., 19., 21.2.

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