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Aus: Ausgabe vom 22.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Yumas Sexszenen

Emanzipation einer jungen Frau im Rollstuhl durch Erotik-Mangas: Der Berlinale-Publikumsliebling »37 Seconds«
Von Michael Streitberg
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Auf der Suche nach dem ihr vorenthaltenen Glück: Yuma (Mei Kayama, Mitte)

»Da draußen sind doch überall Perverse« – die Mutter der 23jährigen Yuma (Mei Kayama) lebt in ständiger Sorge. Ohne Begleitung darf ihre Tochter nicht mal im Einteiler aus dem Haus, so sehnlich diese das wünscht. Gegen die Bevormundung zu rebellieren ist für Yuma nicht einfach: Sie leidet an einer Zerebralparese und ist seit ihrer Geburt auf einen Rollstuhl und die Hilfe anderer angewiesen.

Mit spielerischer Leichtigkeit bewegt sie sich hingegen in der Welt der Mangas. Als Assistentin der Profizeichnerin Sayaka, die mit bunten Perücken und Kleidchen einem ihrer überzuckerten Mädchencomics entsprungen scheint, führt Yuma ein Schattendasein. »Ich arbeite allein«, erklärt Sayaka in einem Interview und würdigt ihre Assistentin bei einer Signierstunde keines Blickes. Es versteht sich von selbst, dass Yuma keine eigenen Manuskripte an andere Verlage schicken darf. Als sie in einem Park zufällig auf einen Stapel Erotik-Manga-Magazine stößt, fasst sie sich dennoch ein Herz und wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die resolute Verlagschefin macht deutlich, warum es Yumas Sexszenen an Authentizität mangelt. Für Yuma ist klar: Sie muss ihre Jungfräulichkeit verlieren.

Ihr Kampf um Würde und Selbstbestimmung in einer Welt, in der Menschen mit Behinderung noch immer auf große Unsicherheit oder offene Ablehnung stoßen, wird nicht in einem Problemfilm gezeigt. Komische, berührende Szenen und sozialkritische Aspekte halten sich die Waage. japanische Filme zu solchen Themen drücken gern auf die Tränendrüse, »37 Seconds« erzählt auf glaubwürdige Weise die Geschichte einer Emanzipation.

Nahaufnahmen zeigen Yuma beim Baden mit ihrer Mutter oder beim Versuch, mit einem Gigolo zu schlafen. So kommt der Zuschauer der Heldin nahe, ohne dass die Szenen voyeuristisch würden. Statt dessen wird man Zeuge, wie sich der Ausdruck der jungen Frau, die sich mutig auf die Suche nach dem ihr vorenthaltenen Glück begibt, nach und nach verändert, wie ihr Selbstvertrauen und ihre Zuversicht wachsen.

Der Film begeistert stellenweise auch mit knallbunter Ästhetik samt passendem J-Pop-Soundtrack. Die Welt der Mangazeichner wird treffend dargestellt; man merkt, dass Regisseurin und Drehbuchschreiberin Hikari sich in dem Metier auskennt. Yumas Storyidee von der außerirdischen Prinzessin, die sich mit dem am höchsten entwickelten Erdling paaren will, könnte gut aus einem Porno-Manga stammen.

Am Ende verzichtet Hikari darauf, alle Fäden zusammenzuführen. Was bleibt, sind offene Türen. Yuma, deren Leben anfangs in den Bahnen anderer Menschen verlief, wird ihren eigenen Weg finden. Hoffentlich kommt dieser Gewinner des Publikumspreises der Berlinale-Sektion Panorama demnächst regulär in die hiesigen Kinos.

»37 Seconds«, Regie: Hikari, Japan 2019, 115 min, Kinostart in Deutschland noch nicht geplant

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