Wunderwaffenmarketing
Von Arnold Schölzel
Unter dem Titel »Raketenschirm für Deutschland« berichtet das Handelsblatt am Mittwoch über das von Israel an die Bundeswehr gelieferte Raketenabwehrsystem »Arrow 3« und führt das erste Interview einer deutschen Zeitung mit dem Chef des israelischen Herstellers IAI, Boaz Levy. Am Donnerstag folgt im Spiegel ein Gespräch mit dem Mitgründer des deutschen Rüstungsunternehmens Helsing in München, Gundbert Scherf. Der Spiegel schreibt: »Es ist eines der geheimnisvollsten Startups der Republik: Helsing mit Sitz in München will die europäische Verteidigungsbranche revolutionieren, indem es Waffensysteme von der Software ausgehend entwickelt.« Das Arsenal reiche vom Unterwassergleiter bis zur Satellitenaufklärung. Es gibt noch einen Industriesektor, auf dem Deutschland innovativ ist, und sei es durch Einkauf.
Was »Staatsräson« im Fall Israel materiell und finanziell bedeutet, beschreibt das Handelsblatt so: »Die Rüstungszusammenarbeit zwischen beiden Ländern ist eng. Rund ein Drittel der israelischen Waffenimporte stammt aus Deutschland, während Deutschland wiederum etwa ein Fünftel seiner entsprechenden Importe aus Israel bezieht.« Für »Arrow 3« seien 5,6 Milliarden Euro vorgesehen, jeder Schuss koste mehrere Millionen Euro. Da müssen die russische Bedrohung groß und die Gesamtkosten für Waffen klein gemacht werden. Levy rechnet vor: »Wenn eine ballistische Rakete ein Stadtzentrum trifft, ist der Schaden um ein Vielfaches höher als die Kosten des Abfangens.« Und im internationalen Vergleich sei »Arrow 3« »keineswegs übermäßig teuer«.
Die Bundeswehr dichtet dem System sogar NATO-weite Bedeutung an. Am 3. Dezember 2025 teilte sie zur Stationierung des für Deutschland gefertigten »Arrow 3« in Schönewalde-Holzdorf südlich von Berlin mit: »Die Luftwaffe setzt in der Annaburger Heide einen strategischen Meilenstein: die Erklärung der Erstbefähigung des Arrow Weapon System for Germany (AWS-G).« Bisher sei Deutschland »schutzlos« gegenüber solchen Waffensystemen »großer Reichweite wie der neuen russischen Rakete ›Oreschnik‹« ausgeliefert gewesen. AWS-G erhöhe »die Fähigkeit der NATO, Angriffe mit Mittel- und Langstreckenraketen abzuwehren.«
Da sollten alle von Helsinki bis Los Angeles dankbar sein, dass Deutschland wieder eine Wunderwaffe hat. Wer »Arrow 3« besitzt, kann bedenkenlos die geplanten US-Erstschlagsraketen noch in diesem Jahr hierzulande stationieren. Deutschland wird zwar dadurch Zielscheibe russischer Raketen, aber die treffen nicht mehr. Levy formuliert das so: »In den Achtzigerjahren stellte US-Präsident Ronald Reagan die Frage, ob man ›eine Kugel mit einer Kugel treffen‹ könne. Viele Experten hielten das damals für unmöglich. Wir haben bewiesen, dass es geht.« Bei den jüngsten Angriffen auf den Iran und Jemen seien »mehr als 90 Prozent der Raketen« abgefangen worden. Und auf die Handelsblatt-Frage nach Abwehr der russischen Hyperschallrakete »Oreschnik«: »Wir sind dem Feind immer zwei Schritte voraus.« Mit ähnlich präzisen Sätzen äußert sich Scherf zur Kritik an den Helsing-Drohnen von der deutsch-ukrainischen Ostfront: »Die Nachrichtenlage zur Ukraine ist komplex.« Oder: »Die elektronischen Störmanöver der Russen ändern sich ständig.« Moskowiter sind einfach tückisch.
Als Firmenmaxime verkündet Scherf folgerichtig: »In westlichen Demokratien wollen wir die Menschen möglichst auf Abstand vom Kampfgeschehen halten.« Dem kann Levy vermutlich folgen. Beide Verkaufsgespräche besagen: In Massen, sozusagen drecksarbeitsmäßig, sollen nur die sterben, die nicht in einer »westlichen Demokratie« leben. Bei woanders Lebenden bestehen Zweifel, dass es sich bei ihnen um Menschen handelt.
In Massen, sozusagen drecksarbeitsmäßig, sollen nur die sterben, die nicht in einer »westlichen Demokratie« leben. Bei woanders Lebenden bestehen Zweifel, dass es sich bei ihnen um Menschen handelt.
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