Umklammerung der Gesellschaft
Ein ganz andersgeartetes Mittel zur Verbreitung seines Geistes besitzt der Militarismus noch in seiner Eigenschaft als Konsument und als Produzent sowie in der Beeinflussung großer staatlicher Wirtschaftsbetriebe von strategischer Bedeutung. Von der Armee lebt eine ganze Armee von Fabrikanten, Handwerkern und Kaufleuten mit ihren Angestellten, die an der Erzeugung und dem Transport der für ihre Ausrüstung, ihre Unterkunft und ihren Unterhalt notwendigen Gegenstände und aller sonstigen Verbrauchsartikel für die Soldaten beteiligt sind. Diese Kostgänger der Armee drücken besonders in kleineren Garnisonsstädten dem öffentlichen Leben zuweilen geradezu den Stempel auf; ja, die mächtigsten von ihnen herrschen wie Fürsten über große Gemeinwesen und spielen im Staate, im Reiche mit die erste Geige. Sie verdanken ihren Einfluss dem Militarismus, der sich von ihnen in erstaunlicher Geduld ausbeuten und übers Ohr hauen lässt, und zahlen ihm den Dank dafür heim – eine Hand wäscht die andre –, indem sie seine eifrigsten Agitatoren werden, wozu sie freilich schon durch ihr kapitalistisches Interesse angespornt werden. Wer kennt die Namen nicht: Krupp, Stumm, Ehrhardt, Loewe, Woermann, Tippelskirch, Nobel, den Pulverring usw.? Wer kennt nicht den Panzerplattenwucher Krupps, die Tippelskirch-Profite mit den dazugehörigen Bestechungs-(Schmier-)Geldern, die gepfefferten Woermann-Frachten und Oberliegegelder, die 100- und 150prozentigen Reingewinne des Pulverrings, der den deutschen Reichssäckel um manche Million erleichterte. In Österreich haben besonders die Schwindeleien der Proviantlieferanten viel Aufsehen erregt. Und jeder Feldzug bedeutet für das Schmarotzerpack – nicht nur in Russland – eine goldene Schwindelernte. Diese großen Herren lohnen’s, wie gesagt, dem Militarismus aufs christlichste, dass er sich oder vielmehr das Volk von ihnen bestehlen lässt. Sie gießen den heiligen Geist des Militarismus über »ihre« Arbeiter und alles, was von ihnen abhängt, und führen einen rücksichtslosen Krieg gegen den Umsturz. Natürlich haben weder diese Arbeiter noch die große Masse der kleinen Armeelieferanten ein wirkliches materielles Interesse an der Armee. In den Ländern ohne stehendes Heer sind der Wohlstand, die Blüte von Handel und Industrie gewiss nicht geringer als in den Staaten mit stehendem Heer, und jene in der militärischen Produktion beschäftigten Personen würden wirtschaftlich sicher nicht schlechter stehen, wenn keine Armee existierte. Indessen, sie sehen zumeist über ihre Nase nicht hinaus und beugen sich nur allzu willfährig dem energischen militaristischen Einfluss, so dass eine Gegenagitation auf große Schwierigkeiten stößt. (…)
Natürlich hat der arbeiterfeindliche Einfluss eine Grenze; und die Heeresverwaltung gibt sich angesichts der sozialdemokratischen Erfolge besonders unter den »kaiserlichen« Werftarbeitern schwerlich mehr irgendwelchen Illusionen hin. Alle Drohungen, auch jene höchst kindische, die Militärwerkstätten bei Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen unter den Arbeitern zu schließen, womit man zum Beispiel bei der Wahl von 1905 in Spandau operierte, vermögen den Fortschritt des Klassenbewusstseins nicht zu hindern, solange der Militarismus seine Arbeiter als Proletarier knauserig bezahlt und damit der Sozialdemokratie verschreibt. Man braucht nur an die häufigen Lohnbewegungen der »königlichen« Fabriker zu erinnern, an die zahlreichen Konflikte, die sie mit der Militärverwaltung haben und die oft lebhafte Formen annehmen, um den Pessimismus zu verlernen. (…)
Der Militarismus tritt danach auf: erstens als Armee selbst, sodann als ein über die Armee hinausgehendes System der Umklammerung der ganzen Gesellschaft durch ein Netz militaristischer und halbmilitaristischer Einrichtungen (Kontrollwesen, Ehrengerichte, Schriftstellereiverbot, Reserveoffiziertum, Zivilversorgungsschein, Vermilitarisierung des ganzen Beamtenapparats, die in erster Linie dem Reserveoffizierunfug und dem Militäranwärterunwesen zu danken ist, Jugendwehren, Kriegervereine und dergleichen), ferner als ein System der Durchtränkung unsres ganzen öffentlichen und privaten Volkslebens mit militaristischem Geiste, wobei auch Kirche, Schule und eine gewisse feile Tendenzkunst, ferner die Presse, ein erbärmliches, käufliches Literatengesindel und der gesellschaftliche Nimbus, mit dem »unser herrliches Kriegsheer« wie nur einer Gloriole geschäftig umgeben wird, zäh und raffiniert zusamnmenwirken: Der Militarismus ist neben der katholischen Kirche der höchste Machiavellismus der Weltgeschichte und der machiavellistischste unter allen Machiavellismen des Kapitalismus.
Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 304– 308
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