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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Mit dem Rücken zur Wand

US-Minister besucht Venezuela
Von Volker Hermsdorf
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Gute Miene zum bösen Spiel: Energieminister Wright (l.) zu Gast in Caracas (11.2.2026)

Wer von Terroristen mit vorgehaltener Waffe bedroht wird, hat wenig Entscheidungsfreiheit. Das einzig legitime Ziel für ein taktisches Verhalten besteht dann darin, mehr Handlungsoptionen zu gewinnen, um die Bedrohung so schnell wie möglich zu beenden. Der damalige Kanzler Willy Brandt entgegnete 1972 auf Kritik an der Freilassung von drei Olympiaattentätern ergänzend, dass »der Rettung gefährdeter Menschen Vorrang vor allen anderen Erwägungen gebühre«.

Mit ähnlichen Argumenten rechtfertigt Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez derzeit Entscheidungen ihrer Regierung, die unter den Vorgaben einer erpresserischen Macht zustande kommen. Kurz nach der einem terroristischen Anschlag gleichenden US-Attacke auf Caracas hatte Rodríguez berichtet, dass ihr und anderen Mitgliedern der Maduro-Regierung 15 Minuten Zeit gegeben wurden, sich den von Washington auferlegten Bedingungen zu beugen. »Sonst würden sie uns töten.«

Nun hat sie mit US-Energieminister Chris Wright den ranghöchsten Vertreter Washingtons der vergangenen 30 Jahre empfangen. Der Besuch liege im strategischen Interesse der USA, sagte der ehemalige CEO von Öl- und Gaskonzernen. Deren wesentliches Ziel besteht erklärtermaßen darin, den Einfluss von China und Russland in der Region zurückzudrängen. Rodríguez sprach artig von einer neuen Ära der Beziehungen. Bisherige US-Sanktionen hätten dem venezolanischen Volk geschadet und »nur Russland und China genutzt«, soll sie – laut westlicher Agenturen – hinzugefügt haben. Obwohl das Zitat in chavistischen Medien nicht erwähnt wird, sind derartige Aussagen nicht auszuschließen.

Vor dem Treffen in Caracas hatte das US-Finanzministerium Lizenzen für den venezolanischen Ölsektor erlassen, die zugleich jegliche Transaktionen mit Personen oder Unternehmen aus Russland, Iran, Nordkorea, Kuba und China sowie die Gründung neuer Joint Ventures zur Exploration oder Produktion von Kohlenwasserstoffen in Venezuela verbieten. Die Reaktion von Russlands Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow – »Wir haben Investitionen in Venezuela, wir haben langfristige Projekte, und es besteht sowohl seitens unserer venezolanischen Partner als auch unsererseits Interesse daran« – steht offenbar im Widerspruch zu den Äußerungen von Rodríguez.

Während die Regierung in Caracas sich bislang über ihr künftiges Verhältnis zu Russland und China offiziell ausschweigt, dementierte sie am Dienstag einen Bloomberg-Bericht, wonach das Land Rohöl nach Israel verschifft habe. Die Reaktion in Netzwerken folgte dennoch prompt: Caracas sei »gefallen«, hieß es. Verbreitung von Fake News gehört – unabhängig vom konkreten Einzelfall – ebenso zur Strategie der hybriden Kriegführung wie das Säen von Zweifeln und Misstrauen. Angesichts des Spielraums von Rodríguez und ihren Regierungsmitgliedern sind deren Äußerungen letztlich aber ähnlich zu bewerten wie ein unter Folter abgegebenes Geständnis.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (13. Februar 2026 um 10:21 Uhr)
    Trump hat in Venezuela nicht das Sagen. In Caracas hält weiterhin dieselbe Machtelite die Fäden in der Hand wie seit über einem Jahrzehnt. Sie kontrolliert Militär und Sicherheitsapparate, steuert die Ölindustrie und profitiert von den Schattenökonomien des Landes. An dieser Struktur hat sich nichts Grundlegendes geändert. Die hastig beschlossene Öffnung des Ölsektors wirkt daher weniger wie ein Reformprojekt als wie ein taktisches Zugeständnis unter äußerem Druck. Zwar sondieren kleinere Energieunternehmen bereits neue Geschäfte, doch ohne Rechtssicherheit, Fachkräfte und internationale Investoren bleibt jede Wiederbelebung der Branche Illusion. Dass Rodríguez plötzlich Flexibilität zeigt, deutet vor allem auf wachsenden Druck aus Washington hin. Doch Drohkulissen nutzen sich ab, wenn ihnen keine Taten folgen. Die Führung in Caracas weiß genau, dass weder Sanktionen noch Kriegsschiffe auf Dauer politische Realität ersetzen können. Wer daraus bereits einen Machtwechsel ableitet, verwechselt Symbolpolitik mit tatsächlicher Verschiebung der Kräfteverhältnisse.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan Krüger aus Neumarkt i.d.OPf. (13. Februar 2026 um 07:08 Uhr)
    Natürlich ist Caracas gefallen, sich darüber als Linker noch Illusionen zu machen, ist noch realitätsferner, als vorher vieles in Venezuela nicht sehen zu wollen. Willy Brandt hatte seinerzeit mit der Abwägung über zu rettende Leben recht, er gab damit auch nichts Relevantes preis. Die Regierung in Caracas hat – wenn das so stimmt – mit ihrer Kapitulation einfach nur kapituliert und nichts gerettet außer möglicherweise das eigene Leben. Diese Wahl hatten die kubanischen Verteidiger der Revolution des Volkes, verwaltet und verraten von einer maroden Regierung, nicht. Sie hätten diese Wahl wohl auch nicht getroffen, so wenig wie 1973 Salvador Allende.

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