Gegründet 1947 Freitag, 13. Februar 2026, Nr. 37
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Desillusioneure des Tages: BSR

Von Felix Bartels
3_Porträt.JPG
Anders als Schnee fällt Schotter nicht vom Himmel

Stiefelhoch Schnee, Wochen unter Null. Vor dreißig Jahren nannte man das Winter – heute Ausnahmezustand. Heizungen traten in Streik, Schulen gaben kältefrei, S-Bahnen fuhren nach Laune, Tram machte gleich ganz dicht. Gestreut wurden nur die Hauptstraßen. Föderalismus randaliert in Berliner Kiezen, Eigenverantwortung, Eigentum verpflichtet, Schneeregulieren deregulieren. Die Stadt is niemalsnich zuständig, Gehwege zu bestreuen, diese Sorge obliegt den Anliegern. Drei Wochen und 3.000 Frakturen nach Schnee-Einfall sollte Streusalz gestreut dann werden, Naturschützer schoben Vorhaben nachhaltig den Riegel vor. Irgendwann kam der Schotter dann doch noch zu liegen und liegt da noch heute.

Seit das Eis abfließt, kommt zu Tage, was sich im Weiß verbergen konnte – Zigarettenstummel, Kondome, Hundehaufen und eben die Steinchen. Funktionslos knirschen sie unter den Adiletten. Eine mythische Kindheitsfrage scheint geklärt, wenn auch unbefriedigend. Die B.Z. fragte bei der BSR nach, was eigentlich mit dem Streusplitt nach Abtau passiere. »Im Zuge der regulären Straßenreinigung sammeln Kehrmaschinen sowie unsere Handreiniger den ausgebrachten Splitt ein«, gab ein Sprecher Antwort. Der Schotter gehe dann externen Unternehmen zu, zur Aufbereitung und Weiterverwertung, doch als Streugut tauge er nicht mehr. Was er nämlich mit dem Senat gemein hat: Je stumpfer, desto glatter.

Eine kindliche Phantasie ist hin. Rührend die naive Vorstellung damals, Billionen Schottersteinchen würden gesammelt, gesiebt und gründlich gewaschen, liebevoll sorgen Tausende Hände mit Nagelfeilen das ganze Jahr hindurch bis zum nächsten Winter, jedes von ihnen wieder scharf zu machen. Ich hatte mir einen Menschen in diesem Beruf stets als glücklichen Menschen vorgestellt.

Erst nahmen sie uns den Winter, jetzt unsere Träume.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.