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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 1 / Ansichten

Dschungelbuch

»Münchner Sicherheitsreport 2026«
Von Arnold Schölzel
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Am 13. Oktober 2022 begeisterte sich der Hohe EU-Repräsentant Josep Borrell: »Europa ist ein Garten.« Weil: »Alles funktioniert.« Aber kein Paradies ohne Schlange: »Der größte Teil der restlichen Welt ist ein Dschungel, und der Dschungel könnte in den Garten eindringen.« Borrell richtete das an seine Amtsvorgängerin Federica Mogherini. Die wurde am 2. Dezember 2025 wegen Betrugs- und Korruptionsverdachts in polizeiliches Gewahrsam genommen und trat zwei Tage danach als Direktorin jener Universität in Brügge, an der Borrell seine Gärtnerlyrik abgesondert hatte, zurück. Alles funktioniert.

Jetzt angeblich nichts mehr. Das ist jedenfalls der Inhalt des am Montag veröffentlichten Sicherheitsreports, der alljährlich zur Münchner »Sicherheitskonferenz« veröffentlicht wird. Seine Autoren schreiben von »Abrissbirnenpolitik«, erwähnen »Kettensägen« und andere grobe Instrumente, mit denen angeblich neuerdings die Weltpolitik und die innere vieler Länder gestaltet werde. Der Report ist ein Dschungelbuch, das Borrell verfasst haben könnte, nur dass in diesem Märchen kein EU-Garten mehr vorkommt. Borrell konnte 2022 nichts von der Trump-Wiederkehr ahnen.

Die Münchner Autoren aber machen den Wüterich zum Weltgestalter und stellen ihre früheren Oberschurken – Russland und China – beiseite. Da aber zum Beispiel der US-Überfall auf Venezuela »komplex« (Friedrich Merz) ist, bleiben unterkomplexe Formulierungen à la Borrell nicht aus. Zu lesen ist: Trump verfolge »einen disruptiven Ansatz in Bezug auf Kernprinzipien des Völkerrechts«. Als hätte sich je ein US-Präsident um die gekümmert, wobei Trump immerhin öffentlich sagt, er benötige überhaupt kein Recht. Weil ihm seine »Moralität« genügt.

Hohe Moral war auch das Konzept der »regelbasierten Ordnung«, dem Dschungel des Faustrechts, den der kollektive Westen an die Stelle des Völkerrechts setzen wollte. Den hat er nun, was aber den Westeuropäern nicht gefällt. Verständlich, sie sind raus aus dem Kriegsspiel, das sie in der Ukraine oder bei der Nahost-»Drecksarbeit« so gern weiterlaufen sehen möchten. Möge es dabei bleiben – trotz »Sicherheitskonferenz«.

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