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Aus: Ausgabe vom 30.01.2026, Seite 15 / Feminismus
Feminismus/Rojava

Symbol des Widerstands

Der Zopf kurdischer Frauen ist mehr als eine Haartracht – seine kulturelle Bedeutung macht ihn zum Ziel von Islamisten
Von Hamdiye Çiftçi Öksüz
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Die Zöpfe kurdischer Frauen sind keine ästhetische Vorliebe. Sie sind keineswegs ein folkloristisches Detail. Zöpfe sind das Gedächtnis eines Volkes. Wir kurdischen Frauen lassen unsere Haare von der Kindheit an wachsen und flechten sie. Diese Haare, die unsere Mütter morgens kämmen und unsere Großmütter geduldig glätten, tragen die Verbannung, Trauer und den Widerstand mit sich. Wir wachsen mit diesen Zöpfen auf, denn sie sind die stillste, aber nachhaltigste Erzählung der kurdischen Kultur. Sie sind Identität. Sie sind eine Form der Freiheit.

Dass in Syrien einer kurdischen Kämpferin der Zopf vom leblosen Körper abgeschnitten und von einem Kämpfer der syrischen Übergangsregierung unter dem Dschihadisten Ahmed Al-Scharaa wie eine Trophäe vor die Kamera gehalten wurde, ist daher keine gewöhnliche Grausamkeit. Es ist ein bewusster Angriff auf die Kultur, den Freiheitsanspruch und die politische Existenz kurdischer Frauen. Das Ziel ist das Gedächtnis eines Volkes. Wir haben es mit einer Mentalität zu tun, die sogar Angst vor den Toten hat. Der IS und ähnliche dschihadistische Strukturen haben kurdische Frauen nie toleriert. Denn sie waren nicht gehorsam. Sie hatten Waffen, eine Stimme und eine Organisation. Deshalb wurden Frauen von ihnen geköpft, ihre Leichen von hohen Gebäuden geworfen und Vergewaltigung und Versklavung zu einer systematischen Kriegsmethode gemacht. All dies waren offensichtliche Kriegsverbrechen.

Heute ist diese Ideologie nicht verschwunden. Im Gegenteil, sie ist mit aller Macht zurückgekehrt. Während in Rojava heute Angriffe auf das kurdische Volk stattfinden, bei denen insbesondere Frauen und Kinder ins Visier genommen werden, schweigt die Welt weitgehend. Mitglieder der radikalsten frauenfeindlichen Gruppen, die bis gestern noch als »besiegt« galten, wurden aus den Gefängnissen entlassen. Dies ist nicht nur für die Kurden, sondern für die ganze Welt eine ernsthafte Bedrohung. Denn eine Ideologie, die die Freiheit der Frauen bekämpft, kennt keine Grenzen.

Die Angriffe, die heute gegen kurdische Frauen gerichtet sind, werden morgen in anderen Regionen gegen andere Frauen und andere Völker gerichtet sein. Dies ist kein »lokaler Konflikt«. Die Menschheit sollte dies als Warnung sehen. Die Kämpferinnen der Frauenverteidigungseinheiten der YPJ haben in Rakka und Kobani nicht nur ihr eigenes Volk verteidigt. Sie haben die Würde der Menschheit verteidigt. Dennoch zeigt das internationale Schweigen gegenüber den derzeitigen Ereignissen in Rojava, dass diese Frauen alleingelassen werden.

Deshalb ist es so wichtig, dass kurdische Frauen auf der ganzen Welt gegen das Abschneiden des Zopfes protestieren. Denn dies ist nicht nur eine Trauerbekundung, sondern eine Warnung. Es ist ein Bekenntnis. Es ist ein Aufruf. Sie haben einen Zopf abgeschnitten. Aber wir haben mit Tausenden von Zöpfen geantwortet. Jetzt muss diese Antwort wachsen. Den Frauen und Kindern in Rojava muss humanitäre Hilfe zukommen. Die Angriffe müssen gestoppt werden. Die Legitimierung frauenfeindlicher bewaffneter Strukturen muss ein Ende haben.

Dieser Aufruf kommt nicht nur von kurdischen Frauen. Es ist ein Aufruf von allen, die sich für Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde einsetzen. Denn jeder Moment, den wir heute zu Rojava schweigen, wird morgen an einem anderen Ort der Welt zu noch größerer Stille führen. Die kurdischen Frauen haben nicht geschwiegen. Sie haben gestern nicht geschwiegen und sie schweigen auch heute nicht. Die Welt muss diese Stimmen jetzt hören.

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