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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Konjunkturbooster des Tages: Karneval

Von Daniel Bratanovic
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Keine Moral ohne Doppelmoral. Als die USA 1991 nach dem auch offiziellen Untergang ihres jahrzehntelangen systemischen Rivalen den Planeten zum Beginn der New World Order (Bush sen.) mit einem Krieg gegen den Irak begrüßten und beglückten, war in Köln, Düsseldorf und Mainz schon am Rosenmontag Aschermittwoch. Karneval fiel kriegsbedingt aus, das geboten rheinländisches Ethos und westdeutsche Demut.

Auf diese Schnapsidee, den national kontrollierten Kontrollverlust nur deshalb abzusagen, weil die Welt ringsherum in Scherben fällt, ist danach nie wieder ein Narr zurückgekommen. Ein in Psychologie bewanderter Ökonom weiß auch, warum: »Karneval schafft für ein paar Tage Abstand von den schlechten Nachrichten und rückt das Gemeinsame in den Mittelpunkt«, sagt Marc Scheufen und kommt zum Wesentlichen: »Das ist nicht nur gut für das ‌eigene Wohlergehen, sondern auch für die Wirtschaft.« Die Fastnachtszeit ist also ein echter Konjunkturbooster. Das hat jetzt das »arbeitgebernahe« Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus – woher denn sonst? – Köln herausgefunden, für das auch Ökonom Scheufen arbeitet. Bundesweit werde danach der Umsatz in diesem Jahr bei fast zwei Milliarden Euro liegen.

Allein rund 900 Millionen ‌Euro davon dürften nach IW-Schätzungen in die Gastronomie fließen, wenn nämlich Jecken von Kölsch und Alt, zwei gescheiterten Derivaten von Bier, nicht genug bekommen können. Anders gesagt: Jetzt wird wieder in die Flasche geguckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.

Was aber die Kölner Wirtschaftsforscher nicht berechnet haben: Wie groß ist eigentlich der volkswirtschaftliche Schaden, den die konformistische Renitenz anrichtet, wenn sich die Hälfte der Erwerbsbevölkerung, geschädigt von Alt und Kölsch, anschließend tagelang krank meldet? Ein Nullsummenspiel. Die Karawane zieht weiter, dä Sultan hätt Doosch.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Februar 2026 um 10:21 Uhr)
    Konjunkturprogramm mit Konfetti. Deutschland hat viele Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst, Winter – und die wichtigste für das Bruttoinlandsprodukt: den Ausnahmezustand in Pappnase. Während Ökonomen sonst fieberhaft nach Wachstumstreibern suchen, genügt im Rheinland ein Tusch, ein »Alaaf!« – und schon wird die Kreditkarte im Dreivierteltakt geschwenkt. Rund 900 Millionen Euro versickern zuverlässig in der Gastronomie, weitere 400 Millionen im Einzelhandel – vorzugsweise für Kostüme, die man nüchtern nicht einmal als Gardine akzeptieren würde. Zusätzlich verfahren die Jecken etwa 290 Millionen Euro in Bus und Bahn und verschlafen weitere 210 Millionen Euro in Hotels, wo das Frühstück meist der erste wirtschaftliche Wiederaufbauplan nach Rosenmontag ist. So betrachtet ist der Karneval die einzige Phase des Jahres, in der sich die Volkswirtschaft widerspruchslos auf folgende Gleichung einigt: Bier × Lautstärke = Wachstum. Ökonomen erklären das nüchtern: Karneval schaffe Abstand von schlechten Nachrichten und stärke das Gemeinschaftsgefühl – gut fürs Wohlbefinden und damit auch für die Wirtschaft. Übersetzt heißt das vermutlich: Wer singt, googelt keine Rezession. Der Karneval ist damit womöglich das ehrlichste Konjunkturprogramm überhaupt. Niemand behauptet, es gehe um Effizienz. Es geht um Freude, um die kurzzeitige Flucht vor der Weltlage und um die leise Hoffnung, dass sich wirtschaftliche Sorgen im Rhythmus der Blaskapelle einfach wegschunkeln lassen. Und sollte der Aufschwung tatsächlich kommen, dann vermutlich mit roter Nase, Glitzerhut und leichtem Schwanken.

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