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Aus: Ausgabe vom 05.02.2026, Seite 7 / Ausland
Kolumbien

Exguerillero im Weißen Haus

Kolumbiens Petro trifft Trump: Die Zeichen stehen auf Zusammenarbeit im Drogenkrieg statt Konfrontation
Von Nils Heidenreich, Bogotá
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Unerwartete Harmonie: Petro (l.) zu Gast bei Trump, der ihn vor kurzem noch als Drogenhändler diffamierte (3.2.2026)

Gustavo Petro hatte einen durchaus nervösen Eindruck gemacht in den Tagen vor seinem Treffen mit US-Präsident Donald Trump. Die Metapher vom »erwachenden Jaguar«, der sich dem »goldenen Adler« entgegenstellt, mit der Kolumbiens Präsident zuvor seine verbale Konfrontation mit Washington umschrieben hatte, verbannte er wieder in die Mottenkiste. Statt dessen betonte er seine Fortschritte im Kampf gegen den Drogenhandel. In den Morgenstunden des anberaumten Treffens am Dienstag (Ortszeit) veranlasste er die Überstellung von »Pipe Tuluá«, dem Oberhaupt einer kriminellen Organisation, an die amerikanische Antidrogenbehörde DEA. Gegen ihn läuft ein Verfahren vor einem texanischen Gericht.

Während Petro mit seinem Verteidigungsminister Pedro Sánchez und der Außenministerin Rosa Villavicencio nach Washington reiste, rief er zudem seine Anhänger zu begleitenden Solidaritätskundgebungen im ganzen Land auf. Die großen Medienhäuser in Kolumbien, politisch eher der rechten Opposition zugeneigt, hatten im Vorfeld über eine Vorführung Petros durch Trump und seine Begleiter im Stile des Besuchs des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij gemutmaßt. Doch die Annahme hat sich nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil.

Als das Treffen bereits im Gang war, veröffentlichte das Weiße Haus erste Fotos. Die Bilder zeigten zwei offenbar gut gelaunte Staatschefs im Austausch – beim Spaziergang durch die Ahnengalerie der Präsidenten und im Oval Office. Hierbei sorgte die Anwesenheit von Bernie Moreno, US-Senator mit kolumbianischen Wurzeln, für Erstaunen. Moreno soll für Trump Teile seiner nun als »Donroe-Doktrin« bekannten Politik gegenüber Lateinamerika, insbesondere Kolumbien und Venezuela, entworfen haben. Doch selbst der Organisator des erneuerten US-Imperialismus in der Region zog im Nachgang ein positives Resümee: Moreno betonte, dass Kolumbien ein »großartiger Verbündeter und strategischer Partner« gewesen sei und es »wieder werden könne«. Man freue sich auf die Zusammenarbeit mit der Petro-Regierung in deren letzten Monaten im Amt.

Trump bezeichnete Petro als »großartig« und betonte, sie hätten sich »sehr gut verstanden«. Er überreichte seinem kolumbianischen Amtskollegen zudem eine signierte »Make ­America Great Again«-Kappe als Präsent. Petro fügte der Landesbestimmung mit Filzstift ein »S« hinzu, um so im Plural auf die Möglichkeit gemeinsamer Visionen für die Amerikas zu verweisen. Doch auch wenn ­Petro auf der Pressekonferenz in der ­kolumbianischen Botschaft diese Vision später mit Ausführungen zu nachhaltigen Energieprojekten konkretisierte, werden die gemeinsamen Elemente einer neuen Partnerschaft wohl von anderen Faktoren bestimmt werden. Kolumbiens Präsident hatte bereits im Vorfeld versucht, Einigkeit im Kampf gegen den Drogenhandel zu signalisieren und dies nicht nur durch die Auslieferung von »Pipe Tuluá« unter Beweis stellen wollen.

Auch Bombardierungen des kolumbianischen Militärs von Stellungen von FARC-Fraktionen, die den Friedensvertrag von 2016 ablehnen, sowie die Entpolitisierung der ELN-Guerilla als »Mafia« können als Konzessionen an Trump und die rechte Opposition gewertet werden. Nach Angaben der kolumbianischen Zeitschrift Revista Raya ereigneten sich zudem Ende Januar drei koordinierte Explosionen in Kokainlaboren in der südlichen Grenzregion Nariño, bei denen mindestens 13 Menschen starben, darunter auch Unbeteiligte. Petro erwähnte in der Pressekonferenz in Washington »Dutzende verbrannte Tote« an der Grenze zu Ecuador und sprach sich gegen eine auf Gewalt basierende Antidrogenpolitik aus – ohne jedoch auf die Frage einzugehen, wer hinter den Explosionen steckte. Lokale Quellen und Regierungsbeamte vermuten laut Revista Raya, dass es sich um geheime Drohnenangriffe der USA handeln könnte, möglicherweise in Kooperation mit Ecuador. Einige Indizien sprechen dafür: etwa die jüngste US-Drohung, militärische Aktivitäten im pazifischen Luftraum Kolumbiens durchzuführen, und Trumps kürzlich erteilte Befugnisse für CIA-Operationen im Land. Doch die Theorie wurde von keiner Seite offiziell bestätigt.

In den vergangenen Jahrzehnten war Kolumbien der vielleicht wichtigste militärische Partner Washingtons zur Durchsetzung seiner Interessen in der Region. Mit der Amtsübernahme des Exguerilleros Petro hatte diese ungleiche Allianz Risse bekommen – kurz vor der Präsidentschaftswahl im Mai scheint Kolumbiens Regierung die Wogen wieder glätten zu wollen.

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