Wie hat die türkische Polizei Sie behandelt?
Interview: Gitta Düperthal
Die türkische Polizei nahm am Freitag 29 Aktive der »Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit« in der Stadt Suruç, kurdisch Pirsûs, an der türkisch-syrischen Grenze fest. Sie wollten aus Solidarität nach Kobani in Rojava. Die Stadt ist von islamistischen Banden belagert, die von der syrischen Übergangsregierung und der Türkei gesteuert sind. Seit Sonntag sind Sie wieder frei. Was widerfuhr Ihnen dort?
Die Gewalt der türkischen Polizei gegen uns Internationalistinnen ist Teil alltäglicher Schikane: Die wird der Bevölkerung in Kobani in Nord- und Ostsyrien und in Nordkurdistan sowie politischen Gefangenen in der Türkei angetan. Sie trifft alle, die für Basisdemokratie und Frauenbefreiung einstehen.
Die Bevölkerung dort, Vertreterinnen der DEM-Partei und des Demokratischen Kongresses der Völker, HDK, hießen uns herzlich willkommen. Das gab uns Kraft. Wir hatten es bis nach Suruç, ins Grenzgebiet der Türkei zu Syrien, geschafft, wollten weiter über die Grenze nach Kobani, um das Durchlassen humanitärer Hilfe in die Stadt zu fordern. Wir wollten zunächst nach Istanbul, um unser weiteres Vorgehen zu beraten. Die Polizei stoppte uns auf dem Weg, fuhr uns gruppenweise zur Polizeiwache Urfa. Unterwegs hagelte es sexistische Beleidigungen: »Das sind alles Schlampen«, das F-Wort fiel, man werde uns »komplett auseinandernehmen«. Unsere Körper wurden angefasst, Handys und Geld wurden uns weggenommen. »Hier ist die Türkei, ihr glaubt, ihr könnt euch hier alles erlauben«, hieß es.
Wer war dabei?
Wir waren 19 Frauen und zehn Männer aus europäischen Staaten, etwa aus Irland, Frankreich, England, Deutschland und Spanien, darunter Journalistinnen, Landwirtinnen, Handwerkerinnen, Mitglieder eines europäischen Netzwerks gegen Feminizide und Vertreter der Städtepartnerschaft zwischen Göttingen und Tirbespî in Syrien.
Die Polizei brachte Sie per Bus nach Istanbul in Abschiebehaft.
Im Bus mit 13 Frauen schikanierten uns die »Bewacher«, 15 Männer und eine Frau. Während der etwa 20 Stunden dauernden Fahrt mussten wir darum kämpfen, auf die Toilette zu können oder etwas zu trinken zu bekommen. Sie drehten die türkische Nationalhymne laut auf, zeigten uns Zeichen der »Grauen Wölfe« (Bezeichnung für türkische Faschisten wie Mitglieder der Partei MHP oder der BBP, jW). Wir sangen bzw. riefen Widerstandsslogans und schlugen gegen Fensterscheiben. Eine Genossin rief: »Lang lebe der Widerstand von Rojava.« Ein Polizist wollte sie schlagen, andere kamen zur Hilfe. Es kam zur Rangelei. In Abschiebehaft in Istanbul presste mich jemand gegen die Wand, es gab Geschubse. Aus den Zellen heraus war zu sehen, wie Menschen im dunklen Flur, abseits von Kameras, misshandelt wurden. Sie trugen Hämatome und Gehirnerschütterungen davon. Haare wurden ihnen ausgerissen. Durch Fesseln mit Kabelbindern gab es Einschnitte an den Händen. Unter Gewaltandrohung mussten wir unterschreiben, dass wir abgeschoben werden wollen. Ausgeflogen wurden wir in jeweils andere Städte als die, aus denen wir kamen. Und wir mussten das bezahlen. Wer beispielsweise aus Frankfurt kam, landete in München.
Was bezweckt der türkische Staat damit?
Sie wollen den Internationalismus zerschlagen, weil wir mit Rojava solidarisch sind. Sie wollen keine Gleichstellung, gehen gegen Frauen hart und mit Willkür vor. Uns sagte man: Ihr werdet hier nie wieder reinkommen. Aber eine Einreisesperre wird unseren Widerstand nicht brechen. Die »Peoples Caravan« macht weiter.
Am Montag trat ein »Integrationsabkommen« zwischen den Demokratischen Kräften Syriens, SDF, und der Übergangsregierung von Ahmed Al-Scharaa in Kraft, der soeben noch IS-Banden schickte, um die Bevölkerung zu drangsalieren. Wie denken Sie darüber?
Prinzipiell finden wir so ein Abkommen gut, wenn Rechte von Minderheiten somit demokratisch umgesetzt werden. Allerdings stimmte die Selbstverwaltung nur zu, damit kein Massaker an der Zivilbevölkerung passiert. Unklar ist, ob sich die Regierungstruppen zurückziehen. Auf den Straßen Europas wird demonstriert. Das wird die Regierungen dort bewegen, sich für Kobani einzusetzen, von wo aus 2015 die Befreiung vom IS gelang.
Zozan Kisa ist aktiv beim »Network Women Weaving the Future« (Netzwerk Frauen gestalten die Zukunft) und wurde als Teilnehmerin der »Peoples Caravan« in der Türkei verhaftet
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