Wieso muss die Zeitschrift eingestellt werden?
Interview: Dieter Reinisch
In wenigen Tagen erscheint die letzte Ausgabe der linken österreichischen Zeitschrift Tagebuch. Was erwartet die Leserinnen und Leser?
Es ist der Versuch, die jüngsten Volten Donald Trumps zu erklären. Es gibt einen längeren Beitrag dazu von Felix Diefenhardt sowie ein ausführliches Interview mit Josephine Riesman darüber, wie uns die Welt des Wrestlings hilft, das Phänomen Trump zu begreifen. Ansonsten machen wir, was wir sechs Jahre lang gemacht haben: Reportagen, Essays, Rezensionen, Meinungen – alles schön gestaltet und wertig produziert.
Was war Ihr Ziel bei der Gründung vor sechs Jahren?
Das Ziel war, in Österreichs Medienlandschaft die Koordinaten ein klein wenig zu verschieben und einen Monatstitel auf den Markt zu bringen, der dezidiert links ausgerichtet ist. Damit war ein breiter, strömungsübergreifender Begriff von »links« gemeint. Das Tagebuch war eine Zeitschrift für Politik und Kultur mit einem leichten feuilletonistischen Einschlag und einem besonderen Auge für die Welt der Literatur und der Bücher.
Wieso muss diese Arbeit nun beendet werden?
Wir haben die vergangenen Jahre jeden Januar damit zugebracht, uns zu überlegen, ob wir weitermachen oder einstellen. Und zwar deshalb, weil wir von Anfang an nicht die Zahl an Abonnenten erreichen konnten, die wir gebraucht hätten, um sorgenfrei arbeiten zu können. Wir haben diesem Umstand so lange getrotzt, wie es ging. Aber auch 2025 haben wir Leser verloren. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Einstellung die letzte Alternative zur Insolvenz ist.
Trotz der Einstellung müssen Sie nun Spenden sammeln.
Wir bitten um Spenden, um die angehäuften Schulden begleichen zu können. Auch die letzte Nummer kann bereits vorbestellt werden. Alle anderen gibt es im Abverkauf um 50 Prozent billiger.
Wieso war das Aus nicht abwendbar?
Das hat sicher viele Gründe. Gleich nach dem Start waren wir mit der Pandemie konfrontiert. Es folgte eine Teuerungskrise, die den Druck auf der Ausgabenseite stark erhöht hat, genauso wie den auf die Leser. Hinzu kommt, dass die Branche insgesamt im Wandel ist und sich Lesegewohnheiten und Medienkonsumverhalten verändern – und das in einem ohnehin kleinen Markt. Auf politischer Ebene waren es auch Jahre, in denen sich die ohnehin fragmentierte Linke im Land rund um Fragen der Pandemie und der Kriege in der Ukraine und in Palästina weiter gespalten hat. Das sollen aber keine Ausreden sein. Die Einstellung ist eine Niederlage.
Andere Publikationen wie Jacobin versuchen es dennoch; gleichzeitig sehen wir Wahlerfolge der KPÖ und einen ehemaligen Linksozialdemokraten als Vizekanzler. Wären das nicht gute Bedingungen?
Ich denke, dass Jacobin am österreichischen Markt wahrscheinlich ähnliche Probleme hat wie wir am deutschen, nur dass der deutsche eben zehnmal größer ist. Und der Umstand, dass ein ehemaliger linker Sozialdemokrat nun Vizekanzler ist und die KPÖ auf Länderebene Erfolge feiert, materialisiert sich jedenfalls nicht in Abozahlen.
Wahlerfolge sind für linke Parteien nicht per se eine Voraussetzung dafür, dass linke Medienprojekte funktionieren. Viel eher sind es Bewegungen, die helfen, so etwas anzuziehen. Dass die zurückliegenden Jahre in Österreich auch an Bewegungen arm waren, erklärt aber wiederum nur zum Teil unsere Misere.
Gibt es noch Zukunft für linke Medien?
Sich nicht von Fördergeldern und Inseraten abhängig zu machen, sondern auf Leser zu bauen, ist ein Manko, das jedes linke Medium hat. Aber nur die wirtschaftliche Unabhängigkeit kann die redaktionelle Unabhängigkeit garantieren.
Hat die Kürzung der Presseförderung eine Rolle gespielt?
Uns wurde die Förderung nicht gekürzt, wir haben von Anfang an gerade einmal rund 6.000 Euro pro Jahr erhalten.
Was bleibt von sechs Jahren Tagebuch?
Die Hefte. Es gab keines, mit dem ich zu 100 Prozent zufrieden gewesen wäre, aber auch keines, für das ich mich genieren würde. Und die Hoffnung bleibt, dass dereinst jemand erneut versucht, die Lücke, die wir hinterlassen, zu schließen.
Samuel Stuhlpfarrer ist Gründer und Geschäftsführer der Zeitschrift Tagebuch. Bis Juni 2025 war er auch Chefredakteur
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