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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 4 / Inland
Brandanschlag München 1970

Aus »Liebe zum Führer«

Verstorbener Neonazi soll 1970 sieben jüdische Bewohner eines Münchner Altenheims ermordet haben
Von Kristian Stemmler
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München 1970, Lübeck 1996, Solingen 2024: Wenn Rechte Brände legen, schauen die Behörden weg (München, 13.2.1970)

Die Erzählung vom »linken Antisemitismus« dient heute vor allem dazu, Linke zu diskreditieren und Kritik an Israel zu unterdrücken. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt war schon vor 55 Jahren der Anschlag auf ein Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Münchner Reichenbachstraße, bei dem im Februar 1970 sieben Bewohner ums Leben kamen. Lange wurde spekuliert, die Tat gehe auf das Konto »militanter Linksextremisten«. Doch neue Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft München, von denen der Spiegel am Freitag berichtete, haben jetzt ergeben: Der Brandstifter war mutmaßlich der Neonazi Bernd V.

Am Abend des 13. Februar 1970 war das hölzerne Treppenhaus des Gemeindezentrums mit einem Öl-Benzin-Gemisch in Brand gesetzt worden. Von den 50 Personen, die sich im Gebäude befanden, konnten zwei Frauen und fünf Männer nicht gerettet werden. Sie hatten den Faschismus überlebt, zwei von ihnen in Vernichtungslagern. Der Anschlag sorgte für Entsetzen über Deutschland hinaus. Jüdische und israelische Einrichtungen in der Bundesrepublik wurden von nun an unter Polizeischutz gestellt.

Die ermittelnde Sonderkommission (Soko) der Polizei nahm zunächst Neonazis und Palästinenser ins Visier. Palästinensische Kämpfer hatten kurz zuvor von München aus eine Anschlagsreihe auf Passagierflugzeuge organisiert, die Israel anflogen. Ermittelt wurde aber auch gegen die Tupamaros München. Die militante linke Gruppe war vom Kommunarden Fritz Teufel als Ableger der Tupamaros Westberlin gegründet worden, die wiederum Teufels Weggefährte Dieter Kunzelmann ins Leben gerufen hatte. Der Name der Gruppen war von der Stadtguerilla Uruguays entlehnt.

Teufel und Kunzelmann wurden von der Soko in München zeitweise verdächtigt. Kunzelmann gilt als Initiator eines versuchten Bombenanschlags auf das jüdische Gemeindehaus Berlin am 9. November 1968. Am Jahrestag der Novemberpogrome 1938 hielten sich dort rund 250 Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung auf. Die Bombe explodierte wohl wegen einer überalterten Zündkapsel nicht. Die Tupamaros Westberlin rechtfertigten den Anschlagsversuch als Akt antifaschistischen Widerstands angesichts »faschistischer Greueltaten Israels gegen die palästinensischen Araber«. Die Bombe hatte der V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes Peter Urbach besorgt. Offenbar erhob die Staatsanwaltschaft deshalb keine Anklage in dem Fall.

Konservativen Politikern und Medien kam der Verdacht der Münchner Soko gegen die Tupamaros damals sehr gelegen. Das Springerblatt Bild am Sonntag beschuldigte zwei Tage nach dem Anschlag Akteure der Studentenbewegung der 1960er und verknüpfte deren Aktionen gegen den Verlag mit der Tat: »Vorgestern brannte ein Zeitungswagen und heute verbrennen Juden in einem Altersheim.« CSU-Chef Franz Josef Strauß bezeichnete den Brandanschlag als Ergebnis sozialliberaler Regierungspolitik, die das Verbrechen nicht mehr unter Kontrolle habe. Noch im Juli 2022 behauptete Springers Flaggschiff Welt unter der Überschrift »Als linksradikale Terroristen ein Seniorenheim anzündeten«, den Anschlag müsse aufs Konto Linker gehen.

Dass es offenbar ganz anders war, kam durch eine Zeugenaussage Anfang 2025 ans Licht. Sie brachte die Ermittler laut Spiegel auf die Spur des 2020 verstorbenen Neonazis Bernd V. Mit Komplizen hatte er am Abend des Anschlags erfolglos versucht, in ein Juweliergeschäft in der Nähe des jüdischen Gemeindezentrums einzubrechen. Aus Wut über das Scheitern, so die Ermittler, habe der »glühende Antisemit« das Gemeindezentrum angezündet. Der damals 26jährige war für die Münchner Polizei kein Unbekannter. Er hatte Telefonzellen gesprengt, Diebstähle begangen und war in Kirchen eingebrochen. V. erklärte in einem Gerichtsverfahren, sein Onkel habe zur SS-Leibstandarte »Adolf Hitler« gehört und ihn zur »Liebe zum Führer« erzogen. Sein Vater schenkte ihm zum zwölften Geburtstag eine Browning-Pistole und einen Dolch der Hitlerjugend.

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