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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 2 / Inland
Bezahlbares Essen in Berlin

Kann Die Linke Kiezkantinen durchsetzen?

Mit Elif Eralp an der Spitze und einer starken Basis soll Berlin bezahlbar werden, erklärt Niklas Schenker
Interview: Max Grigutsch
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In der Kantine im Karl-Liebknecht-Haus sind günstige warme Mahlzeiten zu haben (Berlin, 30.1.2026)

Die Linke will in Berlin staatlich finanzierte »Kiezkantinen« einrichten. Warum braucht die Hauptstadt das?

Unser Konzept ist so simpel wie gut. Wir wollen Mahlzeiten anbieten, die gesund sind, die gut sind, die drei oder fünf Euro kosten. Damit begegnen wir drei Problemen. Wir wissen, dass die Lebensmittelpreise in den vergangenen Jahren extrem gestiegen sind. Wir sehen, dass Einsamkeit in vielen Kiezen ein großes Problem ist. Da gibt es eine starke Verbindung zu Armut: Wer sich das Leben in Berlin nicht mehr leisten kann, verlässt nur selten das Haus. Und schließlich haben wir in den letzten Jahren ein weitflächiges Kantinensterben beobachtet, was gerade für Beschäftigte der Stadtreinigungsbetriebe BSR oder der Verkehrsbetriebe BVG, die viel unterwegs sind, ein großes Problem ist.

Gemäß dem Konzept soll in jedem Bezirk zunächst eine Kantine eröffnen. Berlin hat zwölf Bezirke. Nehmen wir also an, es gäbe erst einmal zwölf solcher Kantinen. Das dürfte für die knapp vier Millionen Einwohner Berlins kaum reichen, oder?

Absolut. Das ist ein Anfang. Wir wollen deutlich machen: Es funktioniert. Aber wir wollen gar nicht dabei stehenbleiben. Dennoch ist es besser, etwas zum Laufen zu bringen, bevor man was ganz Großes verspricht, das sich so schnell gar nicht realisieren lässt. Und es gibt ja in verschiedenen Bezirken schon ähnliche Angebote, die aber alle mit hohen Preisen zu kämpfen haben. Deswegen sieht unser Konzept auch vor, dass wir die bestehenden Kantinen stärker finanziell fördern wollen, damit deren Existenz gesichert bleibt.

Das ist jetzt erst mal eine Wahlkampfforderung. Für die Umsetzung müsste Die Linke an die Berliner Regierung. Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Partei das in einer etwaigen Regierungsbeteiligung tatsächlich durchsetzen kann?

Wir sind dabei, eine große Bewegung für ein bezahlbares Berlin aufzubauen, die hinter diesen Forderungen steht und Druck auf die anderen Parteien macht. Auf welchem Wege wir diese dann umsetzen, werden wir sehen. Aber es ist schon richtig: Wir treten selbstverständlich dafür an, dass Elif Eralp die erste Linke-Bürgermeisterin von Berlin wird und dann nicht nur die Mieten bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen deckelt sowie Deutsche Wohnen und Co. enteignet, sondern auch Kiezkantinen einführt.

Die Enteignung von Deutsche Wohnen und Co. wurde trotz Volksentscheid und Linke-Regierungsbeteiligung nicht umgesetzt.

Für mich ist klar: Nur wer die Vergesellschaftung mit uns umsetzen möchte, ist unser Partner. Alle anderen können das nicht sein.

Welche Parteien können Sie denn von den Kiezkantinen überzeugen?

Wir versprechen nicht das Blaue vom Himmel. Alle unsere genannten Forderungen sind durchgerechnet. Wir wollen sie mit einer Luxusvillensteuer finanzieren, also dadurch, dass sowohl der Besitz als auch der Kauf von besonders teuren Immobilien stärker als bisher besteuert wird. Was wir am Ende davon umgesetzt bekommen, ist eine Frage der realen Stärke.

Aber zurück zur Frage der Parteien: Wenn Sie eine Bewegung aufbauen, werden sich etwa Grüne oder SPD den Vorschlägen anschließen?

Die Erfahrung aus anderen Teilen der Welt, wie etwa aus New York, hat gezeigt: Wenn man Politik und Wahlkampf anders denkt, als das vielleicht auch Die Linke in den letzten Jahren gemacht hat, kann man eine andere Form der Stärke entwickeln. Wir wollen Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewinnen. Ich bin davon überzeugt, dass eine sozialistische Partei in Berlin ein extrem großes Potential hat. Und dann werden wir ausreichend Druck auf alle anderen Parteien machen können.

Wenn nicht parlamentarisch, dann in Eigenregie? Im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Linken, gibt es ja das Schlemmerstübchen. Dort ist es günstiger als überall sonst, aber eine Mahlzeit kostet immer noch ungefähr 6,50 Euro.

Ich bin ein großer Fan des Schlemmerstübchens. Leider sorgen die gestiegenen Lebensmittelpreise dafür, dass solidarische Kantinen große Schwierigkeiten haben. Genau deswegen setzen wir da ja auch an. Wir werden im Wahlkampf zudem rote Tafeln anbieten, das heißt, dass wir an großen Wahlkampfständen ein gutes Essen kostenfrei anbieten. Wir prüfen derzeit auch, inwiefern wir eigene Küchen an festen Standorten anbieten können.

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