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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 5 / Inland
PCK Schwedt

Verlorene Hoffnung

An Standort der PCK-Raffinerie Schwedt soll »grüner« Wasserstoff produziert werden – von anderen Konzernen. Zukunft der Beschäftigten weiter ungewiss
Von Knut Mellenthin
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Die Arbeiter in Schwedt hatten sich den versprochenen Umstieg auf »grünen« Wasserstoff sicher anders vorgestellt

Na, ob das wirklich die lang ersehnte gute Nachricht für den Industriestandort Schwedt ist? Am Donnerstag wurde bekannt, dass in der Stadt an der Oder, die wirtschaftlich weitgehend von der zu DDR-Zeiten aufgebauten Erdölverarbeitung abhängt, in den nächsten Jahren ein »Modellprojekt« zur Herstellung von synthetischem Flugzeugtreibstoff entstehen soll. Das Werk soll zwar – zumindest nach Angaben der Bundesregierung und des Landes Brandenburg – auf dem Gelände der PCK Raffinerie GmbH, jedoch nach bisherigen Informationen ohne die Beteiligung des Unternehmens angesiedelt werden. Der vom Bund zum Jahresanfang 2023 angeordnete schlagartige und komplette Verzicht auf ihre bisherige Geschäftsgrundlage – kostengünstiges Erdöl, das durch die Druschba-Pipeline aus Russland kam – stürzte die Raffinerie in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten.

Ob das geplante Kerosinwerk wirklich auf dem Gelände der PCK gebaut und dadurch eine Verbindung zur Verarbeitung von sogenanntem grünem Wasserstoff hergestellt wird, ist aber noch nicht einmal sicher. Die Träger des Projekts – der Konzern Enertrag SE, der seinen Hauptsitz im brandenburgischen Dauerthal hat, und das im niederländischen Amsterdam ansässige Zaffra – behaupten, im Widerspruch zu den Politikern des Bundes und des Landes, die Standortfrage sei noch nicht genau geklärt.

Für die Beschäftigten der PCK-Raffinerie, denen die regierenden Politiker noch bis vor kurzem eine grandiose Perspektive durch die Umstellung auf »grünen« Wasserstoff vorgegaukelt hatten, ist die Entscheidung zugunsten des Joint Ventures aus Enertrag und Zaffra, das unter dem Namen »Concrete Chemicals« laufen soll, eine bittere Enttäuschung. Denn es war zunächst ganz anders geplant – oder es schien zumindest so: Enertrag und die PCK hatten im Mai 2023 einen umfassenden und detaillierten gemeinsamen Transformationsplan zur »Dekarbonisierung« des Standorts Schwedt vorgelegt. Künftig solle die Raffinerie statt Erdöl vor allem »grünen« Wasserstoff produzieren und verarbeiten, unter anderem zu synthetischem Flugzeugtreibstoff, hieß es in der damals veröffentlichten Studie. Der Transformationsprozess sollte schrittweise bis 2045 stattfinden.

Schon Ende 2027 schien nach Aussagen der Projektpartner eine Wasserstoffproduktion von mehr als 30.000 Tonnen pro Jahr realisierbar. Bis 2030 sollten die Wasserstoffproduktion der Raffinerie auf 160.000 Tonnen und die Wasserstoffweiterverarbeitung auf 240.000 Tonnen jährlich steigen. Ralf Schairer, Sprecher der PCK-Geschäftsführung, versicherte bei der Vorstellung der Projektstudie, dass das Unternehmen beste Voraussetzungen für die Versorgung der Region und des Raums Berlin mit alternativen Kraftstoffen und CO2-neutralen chemischen Produkten biete.

Irgendwann in den folgenden Jahren verlor Enertrag anscheinend das Interesse an der PCK und orientierte sich auf Zaffra um, das mit einem riesigen Erfahrungsvorsprung aufwarten kann. Im März 2024 als Joint Venture zwischen den Chemie- und Energieunternehmen Sasol und Topsoe gegründet, bringt Zaffra nicht nur sein Know-how auf dem Gebiet der »Dekarbonisierung« ein, sondern ist zudem auf Entwicklung, Bau und Betrieb von Anlagen für die Produktion von »Sustainable Aviation Fuel« (SAF), also von vorgeblich »klimafreundlichen« Flugzeugtreibstoffen, spezialisiert. Was nach den jüngsten Ankündigungen aber aus der PCK werden soll, deren Beschäftigten man die Umstellung auf Wasserstoff als Zukunftsperspektive angeboten hatte, das ist nun eine offene Frage.

Der große Preis – versprochene Fördermittel von Bund und Land, die sich auf 349 Millionen Euro und damit rund 70 Prozent der insgesamt geplanten Investitionen summieren – geht voraussichtlich an das Duo Enertrag-Zaffra. Zwar steht der allerletzte Akt der formalen Zustimmung der EU-Organe zu der beabsichtigten Subventionierung des Projekts noch aus, aber informell hat die EU-Kommission das Vorhaben schon genehmigt. Und seitens der dem Staatenbund untergeordneten Stellen scheint es ebenfalls keine Einwände mehr zu geben.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (1. Februar 2026 um 20:52 Uhr)
    Fragt frau den Google nach »pck schwedt produktionskapazität«, antwortet seine KI: »Die PCK-Raffinerie in Schwedt/Oder hat eine maximale Verarbeitungskapazität von rund 11,5 bis 12 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Als eine der größten Raffinerien Deutschlands deckt sie etwa zehn Prozent der gesamtdeutschen Kraftstoffproduktion und versorgt zu 95 Prozent die Region Berlin-Brandenburg mit Mineralölprodukten wie Benzin, Diesel und Kerosin.« Aus den Mengenangaben im Artikel wird man nicht ganz schlau. Handelt es sich dabei um Tonnen »grünen« Wasserstoff oder um SAF? Ich habe mal unter der Annahme, dass es sich bei den Angaben um Wasserstoffmengen handelt, nachgerechnet, was an Kerosin aus 240.000 Tonnen Wasserstoff herauskommt: 1,33 Millionen Tonnen. Weitere Annahme: Kerosin sei C12H26, was natürlich sehr stark vereinfacht, aber plausibel ist. Wo kommen die jährlich benötigten 1,09 Millionen Tonnen Kohlenstoff her (ja: Kohlenstoff, nicht Kohlenstoffdioxid! Von CO2 bräuchte man 4 Millionen Tonnen)? Wo kommt der Strom für die Wasserstoffproduktion her? Bedeutet der Name »Concrete Chemicals« etwas? Wörtliche Übersetzung: Betonchemikalien. Allein an den Mengen ist zu sehen, dass etwas mehr als ein Zehntel durch SAF oder so ersetzt werden könnte. Falls in großem Umfang Elektrolyseure installiert würden (kein Wasserstoff über Pipelines), würde ein gewisser Beschäftigungseffekt erzielt, aber: Siehe Mengenrelationen.