Eher verschämt
Es war eine Meldung in der liberalen israelischen Tageszeitung Haaretz vom Donnerstag: Die israelischen Streitkräfte (IDF) haben die vom Gesundheitsministerium in Gaza genannte Zahl von rund 71.000 seit dem 7. Oktober 2023 getöteten Palästinensern als zutreffend akzeptiert und eingeräumt, dass zahlreiche weitere Vermisste noch unter den Trümmern lägen.
Es seien »Zahlen, von denen Israels Armee immer gesagt hat, die stimmen nicht. Israels Regierung hat von gefälschten Daten gesprochen«, so der ZDF-Korrespondent Thomas Reichardt in Tel Aviv über die neue israelische Position, die offenbar auf ein Briefing für Militärjournalisten zurückging. »Jetzt also diese Kehrtwende von seiten von Israels Armee. Eher verschämt, muss man sagen.« So sei auf Nachfrage des Senders keine offizielle Stellungnahme der IDF erfolgt.
Als »eher verschämt« muss auch der Umgang deutscher Mainstreammedien mit dem Eingeständnis der israelischen Streitkräfte bezeichnet werden. Schließlich gab es kaum einen Bericht über Totenzahlen aus Gaza ohne den obligatorischen Hinweis, diese stammten von der »von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde« und seien »unabhängig nicht zu überprüfen«. Von israelischen Regierungsstellen angegebene Opferzahlen werden dagegen in der Regel nicht unter Verweis auf eine kriegführende Partei als Quelle in Frage gestellt. So wurden die jetzt von den IDF bestätigten Zahlen von deutschen Zeitungen und Nachrichtenportalen zwar gemeldet – doch ohne jede selbstkritische Reflexion. »Lange werden die offiziellen Totenzahlen im Gazastreifen angezweifelt, schließlich kontrolliert die Hamas das dortige Gesundheitsministerium«, räumt N-TV lapidar ein.
Eine insbesondere auf Social Media aktive Blase von zionistischen Hasbara-Aktivisten hatte jeden, der sich die aus Gaza kommenden Angaben zur Zahl der Toten zu eigen machte, zum Hamas-Propagandisten gestempelt. Nun übt man sich in Schadensbegrenzung durch erneute Relativierung des Massenmords. Es handele sich nicht um ein offizielles IDF-Statement, schreibt etwa die deutsch-israelische Journalistin Sarah Cohen-Fantl auf X und behauptet, die Zahl würde auch diejenigen beinhalten, die von der Hamas selbst getötet wurden. Bei fast 30.000 getöteten »Hamasniks« sei dies »weiterhin eine weltweit vergleichbare niedrige Civilian-Combat-Ratio«, will Cohen-Fantl wissen, obwohl die IDF derzeit laut Haaretz die Daten der Toten noch analysieren, um festzustellen, wie viele von ihnen Kombattanten und Zivilisten waren. Geteilt wurde Cohen-Fantls relativierender Post wenig überraschend vom Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck. (nb)
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