Selbstbedienungsladen des Tages: Der deutsche Sozialstaat
Von Hagen Bonn
Man muss schon wiederholt lesen, um den folgenden Satz zu verstehen: »Eine digitale Streetworkerin warnt vor der ›toxischen Energie‹, die sich vor allem bei sozialen Medien entfaltet.« Die Überschrift der Meldung auf NTV las sich zuerst recht unverfänglich: »Mehr Mädchen leiden an Essstörungen«. Die Kehrseite der Medaille ist: 20 Prozent der Deutschen leiden unter starkem Übergewicht. Worüber man allein stolpern sollte, ist die »digitale Streetworkerin«.
Ja, so leicht kann man den Hipster Sozialstaat unterschätzen. Der macht ein Drittel des Bundeshaushalts aus, was für sich nichts bedeutet, außer man will dieses Goldsäckel privatisieren. Und dafür stehen in der BRD passgenau »Freie Träger« bereit: Knapp 30.000 allein in der Kinder- und Jugendhilfe und mehr als 125.000 in der freien Wohlfahrtspflege. Und für Sozialromantik ist dort kein Platz! Dort herrscht ein verbissener Kampf um die Steuermilliarden. Vereine, Stiftungen, Kirchen und Wohlfahrtsverbände kämpfen um jeden Euro, was nicht so einfach ist, wenn sechs Konzerne dominieren: AWO, Caritas, Paritätischer, DRK, ZWST. Allen Trägern gemein sind indes die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten: hohe körperliche und psychische Belastung, unzureichende personelle Ressourcen, Zeitnot und schlechte Bezahlung. In der Pflegeindustrie gibt es extra einen »gestaffelten Pflegemindestlohn«, klingt wie Gehaltszahlung auf Raten, oder?
Alles beim alten demnach, der »Sozialstaat« als Einladung zur Selbstbereicherung. Und jetzt auch digital! Sozialarbeiter chatten über Youtube und Tik Tok mit ihren »Klienten«. Und woher wissen die, dass da nicht eine KI mit ihnen redet? Das wäre doch die logische Folge! Deshalb gilt in Deutschland weiter: Wenn Sozialarbeiter an die Macht kämen, würden sie mehr Brücken bauen, um die Obdachlosigkeit zu bekämpfen.
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