Suche nach Alternativen
Von Jörg Kronauer
Keir Starmer war am Donnerstag in Beijing sichtlich bemüht, den Ball flach zu halten. China sei eine bedeutende Macht, konstatierte der britische Premierminister nach seinem Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Für ein Land wie Großbritannien sei es deshalb wichtig, einigermaßen gedeihliche Beziehungen zur Volksrepublik zu unterhalten. Seit 2018 habe keiner seiner Amtsvorgänger mehr die chinesische Hauptstadt besucht – allzulange. Es sei höchste Zeit, den direkten Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Kurz nachdem Starmer das geäußert hatte, wurden erste Deals bekannt, die eine etwa 50köpfige Wirtschaftsdelegation in seinem Schlepptau geschlossen hatte. Das war eines der zentralen Ziele der Reise: die ökonomischen Beziehungen wieder zu glätten, um der kriselnden britischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Großbritannien ist trotz aller Konflikte in den vergangenen Jahren das Land mit dem größten Bestand an chinesischen Investitionen in Europa. Da liegt erhebliches Potential.
Neue Geschäftsmöglichkeiten für britische Unternehmen, neue chinesische Investitionen in Großbritannien: Das ist wichtig für Starmer, doch die Motive, die ihn nach Beijing trieben, reichen darüber hinaus. Dass das große Geld künftig nicht mehr am Atlantik, sondern am Pazifik verdient wird, brachte die City of London schon vor einem guten Jahrzehnt dazu, den damaligen konservativen Premierminister David Cameron eine »goldene Ära« der britisch-chinesischen Beziehung ausrufen zu lassen, bis sein konservativer Nachfolger Boris Johnson, unter dem Druck von US-Präsident Donald Trump ab 2019 andere Prioritäten setzte und das Verhältnis zwischen London und Beijing zu einer veritablen Eiszeit gefrieren ließ. Starmer muss sich nun eingestehen, dass Trump in seiner zweiten Amtszeit nicht mehr wie einst von Johnson Gefolgschaft einfordert, sondern politische und ökonomische Selbstaufgabe. Also sucht er nach Auswegen aus der Abhängigkeit von Washington – nicht nur, aber auch in Beijing.
Das teilt er mit Kanadas Premierminister Mark Carney, der auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos kürzlich offen dazu aufrief, sich Washington nicht mehr willenlos zu beugen, sondern sich durch bessere Beziehungen in alle Welt gegen US-Übergriffe abzusichern. Starmers konservativer Amtsvorgänger Rishi Sunak hörte Carneys Rede in Davos – und er räumte ein, sie habe die Stimmung kippen lassen: Anschließend hätten sich alle ausgetauscht, wie sie die unerträgliche Arroganz und die Aggressionen der Trump-Regierung abschütteln könnten. Carney verbessert die Wirtschaftsbeziehungen zu China, Starmer nun ebenfalls, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wirbt um chinesische Investitionen. Das ist freilich nur ein Teil: Die EU will ihren Handel mit Indien steigern, mit dem Mercosur, mit Südostasien; Japan weitet seine Aktivitäten in Südamerika aus. Die große Suche nach Alternativen hat begonnen. Gelingt sie, dann könnten Trumps Aggressionen der Anfang vom Ende der US-Dominanz gewesen sein.
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