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Aus: Ausgabe vom 30.01.2026, Seite 1 / Titel
Regierungserklärung

Merz träumt von Macht

Kanzler erklärt EU zur »normativen Alternative zu Imperialismus und Autokratie«. Die Linke nennt NATO-Krieg gegen Jugoslawien »Präzedenzfall« für Völkerrechtsbruch
Von Arnold Schölzel
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Fast schon am Weltmachthebel: Merz im Operativen Führungskommando der Bundeswehr am 28. Juni 2025

Am Donnerstag steigerte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den neusten deutschen Größenwahn um einige Grade. In einer Regierungserklärung vor dem Bundestag verlangte er mit Blick auf die EU, »wir« müssten »die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen«. Das sei in der sich herausbildenden »Welt der Großmächte« Voraussetzung, um »unsere Vorstellungen« durchsetzen zu können. Und pries die deutsche Führungsrolle durch den Beschluss, fünf Prozent der Wirtschaftsleistung fürs Militär auszugeben: »Wir sind vorangegangen, und andere in Europa sind uns gefolgt.«

Einige Stunden später wurde er bei einer Pressekonferenz mit der litauischen Premierministerin Inga Ruginienė in Berlin konkret: Er sehe »keine Notwendigkeit« für Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, vielmehr müssten »wir unseren Druck« aufrechterhalten. Zugleich erklärte er, Deutschland führe »strategische Gespräche« über eine mögliche Beteiligung an einem »europäischen« atomaren Schirm als Ergänzung zur gemeinsamen atomaren Abschreckung mit den USA. Am selben Tag fand im bayerischen Veitshöchheim ein Appell zur Unterstellung der ersten zwei Kampftruppenbataillone zur Panzerbrigade 45 »Litauen« statt. Die an der Grenze zu Belarus stationierte Einheit soll auf 5.000 Soldatinnen und Soldaten aufgestockt werden.

In seiner Regierungserklärung erklärte Merz allen Ernstes zur EU: »Wir sind in der Welt auch eine normative Alternative zu Imperialismus und Autokratie.« Zum 20 Jahre währenden Afghanistan-Krieg, der zwischen 2001 und 2021 Hunderttausende Afghanen das Leben kostete, brachte er es zu dem Zynismus, dieser habe »dem Land für viele Jahre mehr Stabilität und mehr Sicherheit verschafft«. Als habe es die Kolonialkriege mit deutscher Beteiligung seit 1990 nicht gegeben, kündigte Merz nun neue Partnerschaften an: »Wir wollen Teil eines dynamischen, agilen Netzwerks von souveränen Staaten sein, die weiter an einer regelbasierten Ordnung festhalten wollen.« Er verband das mit einem Bekenntnis zur Selbständigkeit der EU mit dem zum Bündnis mit den USA: »Das transatlantische Bündnis, das transatlantische Vertrauen ist auch heute noch ein Wert an sich, für uns in Deutschland übrigens in ganz besonderer Weise.« Dem schlossen sich die Sprecher der Koalition und der AfD an.

Nur Sören Pellmann (Die Linke) erinnerte in der Aussprache daran, dass NATO und EU mit dem Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 einen »Präzedenzfall« für den Bruch des Völkerrechts geschaffen hatten. Das führte zu Nachfragen aus den Reihen der damaligen Regierungsparteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen, die in der Behauptung gipfelten, Pellmann wolle den russischen Krieg gegen die Ukraine rechtfertigen. Dieser bekräftigte noch einmal dessen Verurteilung als völkerrechtswidrig durch seine Partei.

Zuvor hatte Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann vehement von Merz gefordert, die Unterstützung der Ukraine angesichts vieler außenpolitischer Herausforderungen nicht aus den Augen zu verlieren. Dass der Kanzler sich in seiner Regierungserklärung nur in einem Satz mit der Ukraine solidarisiert habe, habe ihr keine Hoffnung gegeben, »dass das nicht einfach auf der Tagesordnung vor sich hinläppert«.

Nur die Abgeordnete Cansu Özdemir (Die Linke) prangerte im Plenum an, dass die Bundesregierung das Abschlachten der Kurden durch die dschihadistische Regierung Syriens nicht verurteile, vielmehr dazu schweige.

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  • Leserbrief von B.S. aus Ammerland (30. Januar 2026 um 19:08 Uhr)
    Der Laufbursche von Larry Fink, Friedrich Merz, kann gar nicht anders, als das Volk in den Atomkrieg zu treiben, assistiert von AFD, Sozen, Grünen, Linken und der FDP-Resterampe. Es bleibt der einzige Ausweg aus einem selbstverschuldeten wirtschaftlichen Niedergang ohne Beispiel. Alles, was diese Brilon-Jünger anfassen, wird zur Katastrophe. Aber Schuld sind, wie immer, die anderen! Pazifisten, Oppositionelle und Menschen, die sich nichts mehr vormachen lassen. Eine Systempresse und zwei Systemsender (ARD und ZDF), die das Niveau der »Aktuellen Kamera« (DDR-Nachrichten) bereits erreicht haben. Was als Ausverkauf der Wirtschaft unter »Mutter Blamage« Merkel begann, unter der Ampel weiterging, ist nunmehr mit einer Rekordpleitewelle die CDU/CSU -Offenbarung! Deshalb muss ein Krieg her, koste es, was es wolle! Und wenn es der Untergang ist. Aber Rechte und Konservative haben darin ja Erfahrung!
  • Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (30. Januar 2026 um 14:36 Uhr)
    Sollten die Träume von Blackrock aufgehen, wäre es schlimm um Deutschland bestellt. In der Regierungserklärung äußert Bundeskanzler Merz: »Wir sind in der Welt auch eine normative Alternative zu Imperialismus und Autokratie.« Vergisst er, dass Deutschland schon imperialistisch ist? Europa müsse seine Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Hat es das nicht? Während Russland 2026 142 Mrd. Euro für die Rüstung ausgibt, sind es bei den europäischen NATO-Staaten 340 Mrd. Euro (unberücksichtigt ist die Militärhilfe für die Ukraine). Davon die BRD 104 Mrd. Euro. Die Regierungserklärung verschwieg, wie das größte europäische Land, Russland, in die Gestaltung Europas einbezogen werden soll. Herr Merz und die Seinen sollten begreifen: Ohne Russland gibt es keinen Frieden und keinen Wohlstand in Europa. Bundeskanzler Merz sollte sich an der Haltung des ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck orientieren: »Nie, nie gegen Russland.«
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (30. Januar 2026 um 11:03 Uhr)
    Die Forderung, man müsse »die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen«, verrät weniger Entschlossenheit als ein fundamentales Missverständnis von Macht. Machtpolitik ist keine Frage der Wortwahl oder symbolischer Gesten, sondern beruht auf realer ökonomischer, militärischer und strategischer Durchsetzungsfähigkeit. Weder Deutschland noch die EU verfügen derzeit über die Voraussetzungen, um eigenständig Machtpolitik im globalen Maßstab zu betreiben. Wer dennoch diesen Anspruch formuliert, ersetzt fehlende Substanz durch Rhetorik und riskiert politische Selbstüberschätzung. Nicht Stärke wird so demonstriert, sondern strategische Orientierungslosigkeit.
  • Leserbrief von Andreas Weniger aus Sangerhausen (29. Januar 2026 um 22:55 Uhr)
    Hallo, eigentlich bin ich gerade dabei, unsere Reihe »Heute vor 50 Jahren« fertigzustellen. Immer wieder stoße ich bei den Artikeln jedoch auf Aussagen, die mir klarmachen, dass 50 Jahre in der politischen Realität gar nicht mal so ein großer Zeitraum ist. Zugegeben: Da wo einst der Mensch nach vorn schauen konnte, wo wenigstens in einem Teil Deutschlands Sozialismus war … Wir stehen jedenfalls kurz davor, wie es den Anschein hat, hat sich heute die Barbarei festgenagelt. Ich habe gerade gelesen: »Hinweise Lenins aus dem Jahre 1917 in Erinnerung. Lenin brachte zum Ausdruck, dass die Bourgeoisie einen Staat nur dann für stark hält, wenn er mit der ganzen Macht des Regierungsapparates die Massen dorthin zu dirigieren vermag, wohin die bürgerlichen Machthaber sie haben wollen. Unser Begriff von Stärke ist ein anderer. Für uns ist es die Bewusstheit der Massen, die den Staat stark macht. Er ist dann stark, wenn die Werktätigen alles wissen, über alles urteilen können und alles bewusst tun.« (Das möchte ich gern so stehenlassen!) M.f.G. Andy vom Radio MSH AK711

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