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Aus: Ausgabe vom 28.01.2026, Seite 6 / Ausland
Diplomatisches Zerwürfnis

Algier und Paris streiten wieder

Bilaterale Krise schien abzuklingen, doch französische Fernsehsendung vertieft sie erneut
Von Bernard Schmid, Paris
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Als Versöhnung zum Greifen nah schien: Emmanuel Macron auf Staatsbesuch bei Abdelmadjid Tebboune (Algier, 27.8.2022)

Mindestens einen Vorzug hat Algerien: Es ist dort wärmer als in den Polargebieten. Die französische Sozialdemokratin Ségolène Royal, in der Vergangenheit unter anderem Präsidentschaftskandidatin und Umweltministerin, amtierte zuletzt von 2017 bis 2020 als Beauftragte Präsident Emmanuel Macrons für den Schutz der Polkappen. Allerdings entfaltete sie dabei keine nennenswerten Tätigkeiten. Seit Dezember ist Royal nun Vorsitzende der Freundschaftsgesellschaft Association France–­Algérie (AFA). In dieser Position wird sie nun doch aktiv. Seit Montag weilt Royal für vier Tage in Algier, unter anderem auf Einladung der Algerischen Industrie- und Handelskammer sowie ihres bilateral ausgerichteten Pendants, der Algerisch-Französischen Industrie- und Handelskammer. Nach eigenem Bekunden will sie in der algerischen Hauptstadt »Positives aufbauen« und plädiert für eine Anerkennung bislang uneingestandener »Verbrechen« aus der Kolonialvergangenheit.

Tatsächlich sind im algerisch-französischen Verhältnis zahlreiche Brüche zu kitten, die sich in den vergangenen anderthalb bis zwei Jahren vertieft haben. Dazu trug die Wühlarbeit rechter französischer Revanchistenlobbys bei, die mit dem von September 2024 bis Oktober 2025 amtierenden konservativen Innenminister Bruno Retailleau einen führenden Ansprechpartner in der Regierung hatten. Auch repressive Akte der algerischen Behörden wie die Inhaftierung des französischen Sportjournalisten Christophe Gleizes wegen »Unterstützung von Separatismus« sowie Unstimmigkeiten zwischen beiden Staaten über die Rücknahme algerischer Migranten, die Frankreich abschieben möchte, hatten einen Anteil an dem Zerwürfnis. Eine zentrale Rolle spielte jedoch der Positionswechsel Macrons zur Westsahara, in der Algerien die Befreiungsbewegung Polisario unterstützt: Im Juli 2024 stellte Macron sich offiziell hinter die Ansprüche Rabats auf das von Marokko illegal besetzte Gebiet.

Der algerisch-französische Streit schien bereits abzuklingen, da heizte der öffentlich-rechtliche Sender France 2 ihn vorige Woche mit einer Sondersendung der Serie »Complément d’enquête« über das bilaterale Zerwürfnis nochmals kräftig an. Die algerische Regierung hatte am Donnerstag schon tagsüber – noch bevor die Sendung am Abend ausgestrahlt wurde, auf Grundlage des Ankündigungsfilms – gegen das »Lügengeflecht« in dem Beitrag protestiert. In ihm kam unter anderem der französische Botschafter für Algerien, Stéphane Romatet, zu Wort. Er führt die Vertretung derzeit von Paris aus, nachdem er im April 2025 »zu Beratungen« aus Algier abberufen worden war. Seine Teilnahme an der Sendung wertete Algier als Verstoß gegen die Neutralität des Diplomaten.

Auch trat der Blogger Amir Boukhors alias »Amir DZ« in der Sendung auf. Er hat 1,1 Millionen Abonnenten bei Tik Tok und deckt mitunter Korruptionsskandale in Algerien auf. Von der algerischen Opposition wird er jedoch verdächtigt, als Sprachrohr rivalisierender Kreise der Staatsführung zu dienen. Die Justiz des Landes behauptet, er habe in der Vergangenheit Enthüllungsdrohungen genutzt, um Geldzahlungen zu erpressen, und verurteilte ihn zu einer langen Haftstrafe. Vergangenen April wurde »Amir DZ« zum Opfer einer 24stündigen Entführung im Kofferraum eines Autos. Er spricht von einem Einschüchterungsversuch. Die französische Justiz ermittelt gegen Diplomaten des algerischen Konsulats in Créteil, denen eine Beteiligung vorgeworfen wird.

Auch Xavier de Driencourt sollte in der Reportage vorkommen. Er war seit seiner Ernennung durch Präsident Nicolas Sarkozy lange Jahre Botschafter in Algier, hat in jüngerer Zeit jedoch vor allem durch eine wachsende Obsession mit der Einwanderung von Algeriern nach Frankreich auf sich aufmerksam gemacht. Er näherte sich Marine Le Pen an, beriet die Politikerin der extremen Rechten und ihr Umfeld, die Tageszeitung Libération kündigte im April 2024 sogar einen möglichen Beitritt zu ihrer Partei an. Allerdings wurde de Driencourt anscheinend in letzter Minute doch noch aus dem Programm genommen. Sein Name taucht im Trailer, jedoch nicht in der Sondersendung selbst auf. Das wäre France 2 dann wohl doch zu weit gegangen.

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