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Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 5 / Inland
Industriepolitik

Eisenharte Krise

BRD: Produktion der Stahlindustrie sinkt auf Tiefstand. Verband hadert mit Billigkonkurrenz aus Asien. Linke fordert Stärkung der Binnennachfrage und Staatsbeteiligungen
Von Ralf Wurzbacher
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Im Vorjahr lag der Output an Rohstahl bei nur 34,1 Millionen Tonnen, ein Minus von neun Prozent gegenüber 2024

Viele Branchen stecken in der Krise, mal mehr mal weniger tief. Die Misere der deutschen Stahlindustrie ist aber längst ein Dauerbrenner. Zum vierten Mal in Folge sei die Produktion unter dem Limit von 40 Millionen Tonnen geblieben, teilte die Wirtschaftsvereinigung Stahl am Mittwoch bei der Vorstellung ihrer Jahresbilanz 2025 mit. Der Wert markiert die Schwelle, ab der die Bedingung einer ausreichenden Auslastung erfüllt ist. Im Vorjahr lag der Output an Rohstahl bei nur 34,1 Millionen Tonnen, was einem Minus von neun Prozent gegenüber dem schon extrem dürftigen Ergebnis von 2024 entspricht. Von der Politik erwartet sich der Verband wirksame Schutzmaßnahmen gegen die internationale Konkurrenz. Hauptgeschäftsführerin Kerstin Maria Rippel: »Das Jahr 2026 muss das Jahr der Standortsicherung werden.«

Zunächst gilt es, die fast schon historische Schlappe der vergangenen zwölf Monate wegzustecken. Weniger erzeugt hatten die deutschen Stahlkocher zuletzt während der weltweiten Finanzkrise 2009. Die Kapazitätsauslastung fiel im Vorjahr auf unter 70 Prozent, was ebenso als kritische Kennziffer gilt. Damit verharre man auf »Rezessionsniveau«, befand Rippel. Im Schwund befindet sich auch der Absatz im Inland, mit rund 30 Millionen Tonnen habe die Marktversorgung »nochmals unter dem schon niedrigen Durchschnitt der vergangenen vier Jahre« gelegen. Es komme gerade vieles zusammen, so die Verbandschefin: »Eine historisch schwache Nachfrage, ein ungebremst wachsender Importdruck und international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise.«

Die energieintensiven Sektoren der hiesigen Wirtschaft leiden besonders unter der vollständigen Abkopplung von russischem Öl und Gas. Seit Beginn des Ukraine-Krieges haben die Einfuhren aus dem Ausland deutlich zugelegt, so dass inzwischen rund jede dritte in der EU eingesetzte Tonne Stahl von außerhalb der EU stammt. Globale Überkapazitäten, insbesondere in Asien, sowie die unberechenbare US-Zollpolitik verschärfen die Lage noch weiter. Unter diesen Vorzeichen werde sich die Stahlkonjunktur auch 2026 »kaum erholen können«, warnte Rippel. Dabei verwies sie auf den »guten Vorschlag« der EU-Kommission, der zügig und konsequent umgesetzt werden müsse. Der fragliche »Aktionsplan für Stahl und Metalle« sieht vor, die Menge zollfreier Importe fast zu halbieren und die Zölle bei Überschreitung einer festgelegten Obergrenze auf bis zu 50 Prozent zu verdoppeln. Vor Inkrafttreten der Regelungen müssen noch das Europaparlament und der EU-Rat zustimmen.

Zum Jahresbeginn hat die Bundesregierung für Deutschland einen Industriestrompreis mit einer Zielgröße von fünf Cent pro Kilowattstunde eingeführt, der allerdings wegen noch laufender Verfahren erst ab 2027 ex post wirksam und auf drei Jahre begrenzt sein wird. Hiesigen Unternehmern geht das nicht weit genug. Vor einer Woche monierte zum Beispiel der Bundesverband der Deutschen Gießereiindustrie, dass die tatsächlichen Kosten besagte fünf Cent weit überschreiten würden und allenfalls von einem »minimalen Trippelschritt« die Rede sein könne. »Der wird uns gegenüber den Stromkosten in den Konkurrenzländern USA, China, Indien oder Türkei überhaupt nicht helfen.« Stahlverbandschefin Rippel gab gestern als mittelfristiges Ziel einen Preis von drei bis sechs Cent pro Kilowattstunde aus, inklusive Netzentgelte, Abgaben und Umlagen.

Weitere Konzepte lägen längst vor, wurde Mirze Edis (Die Linke) am Mittwoch in einer Mitteilung zitiert. Welche? Die schwache Nachfrage nach Stahl müsse über eine Stärkung der Binnennachfrage angekurbelt werden – etwa den Schienenbau, so der Sprecher für Industriepolitik seiner Bundestagsfraktion. Mehr Landes- und Bundesbeteiligungen dürften Regierungen nicht ausschließen, »um die Schlüsselindustrie Stahl in Deutschland zu halten«.

Unter der anhaltend schlechten Lage leiden an erster Stelle die Beschäftigten. Sie bangen um ihre Arbeitsplätze und sind leichter erpressbar. Die zurückliegende Tarifrunde brachte nur ein minimales Lohnplus von 1,75 Prozent ab 1. Januar 2026 und 75 Euro mehr für Auszubildende. Immerhin läuft der Kontrakt nur über ein Jahr, weshalb schon Ende 2026 neu verhandelt wird. Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen, verschärfte bereits vor zwei Wochen den Ton. Im Verbandsmagazin warf er der Gegenseite vor, die Krise nutzen zu wollen, um »billige Gewinne aus der schwierigen Situation zu ziehen« und den »Sozialstaat zu sabotieren«. Wie das geht, macht die Bundesregierung vor.

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