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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Unter Beschuss

Der Notruf als Film: Kaouther Ben Hanias Dokudrama »Die Stimme von Hind Rajab« über den Gazakrieg und seine Opfer
Von Holger Römers
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So echt wie ihre Stimme im Film: Ein Foto der von der israelischen Armee ermordeten Hind Rajab

»Die Stimme von Hind Rajab« beginnt mit einem Notruf, der bei der Einsatzzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds in Ramallah eingeht: Eine Jugendliche ruft panisch, dass sie unter Beschuss aus einem nahen Panzer stehe, bevor ihre Stimme erstirbt. Unter derselben Handynummer ist aber noch die Titelfigur zu erreichen, die am Tag der Handlung – eingeblendet wird das Datum 29. Januar 2024 – fünf Jahre alt ist. Bald zeichnet sich ab, dass das Mädchen in einem Auto zwischen sechs Leichen sitzt. Onkel und Tante haben außer den eigenen vier Kindern auch Hind Rajab mitgenommen, als sie aus Gaza-Stadt zu fliehen versuchten. Soeben ist offenbar die 15jährige Cousine Layan erschossen worden, doch Hind sagt zunächst, die Verwandten würden schlafen. Im weiteren Verlauf des mehrfach unterbrochenen Telefonats meint sie dann, ebenfalls sterben zu müssen.

Die zarte Stimme, die regelmäßig am anderen Ende der Leitung ertönt, ist real: Mit Einwilligung der Mutter Hind Rajabs nutzt das Dokudrama umfangreiche Ausschnitte aus dem vom Roten Halbmond aufgezeichneten 70minütigen Tonmaterial. Um so verblüffender, aber auch um so bezeichnender erscheint so, dass Regisseurin Kaouther Ben Hania in ihrem siebten Langfilm, zu dem sie wie gewohnt auch das Drehbuch verfasst hat, zu klassischer Spannungsdramaturgie greift. Die gelegentlichen Schüsse, die durchs Telefon hallen, die Panzer, die das Kind nach eigenen Angaben in der Nähe sieht, implizieren einen Zeitdruck, mit dem gewöhnliche Thriller Spannung generieren. Indem sie als einzigen Handlungsort die Notrufzentrale wählt und ihren Kameramann Juan Sarmiento G. das gesamte Geschehen mit nervöser Handkamera in (Halb-)Nahaufnahmen einfangen lässt, unterstreicht Ben Hania zusätzlich die Hektik der Situation, unter der vier Protagonisten leiden. Während Einsatzleiter Mahdi (Amer Hlehel) für den benötigten Rettungswagen eine sichere Route zu organisieren versucht, spricht vor allem Omar (Motaz Malhees) mit dem in Lebensgefahr befindlichen Mädchen, bevor ihn seine Kolleginnen Rana (Saja Kilani) und Nisreen (Clara Khoury) langsam ablösen. Währenddessen bleibt Hind unsichtbar. Bis wir einige wenige Digitalfotos zu sehen bekommen, die Omar sich von einem Verwandten des Kindes schicken lässt und die ihrerseits authentisch sind.

Manche dramatischen Momente konstruiert die 58jährige Filmemacherin allerdings herbei. Deutlich wird das etwa, wenn Omar seinem Vorgesetzten vorwirft, er zögere den Einsatzbefehl für den benötigten Rettungswagen hinaus. Wenn Mahdi dann mit einem Filzstift eine liegende Acht auf eine gläserne Trennwand kritzelt, müsste der Sinn dieser Veranschaulichung seinem Mitarbeiter längst bekannt sein: dass nämlich die Anfragen ans israelische Militär sowie dessen Antworten vom Internationalen Roten Kreuz übermittelt werden und diese indirekten Kommunikationswege zur Endlosschleife geraten können. Erst recht müsste Omar wissen, was ­Mahdi ihm angesichts eines Aushangs mit zwanzig Porträtfotos verdeutlicht: dass zu diesem Zeitpunkt des Gazakriegs bereits etliche Sanitäter bei der Arbeit getötet worden sind.

Das dürfte freilich auch der arabischen Öffentlichkeit bekannt sein. Weshalb aus solchen didaktischen Momenten zu schließen ist, dass die internationale Koproduktion, deren Spielfilmszenen in Ben Hanias Geburtsland Tunesien gedreht wurden, vor allem auf den westlichen Kinomarkt zielt – die weitgehende Ahnungslosigkeit des Arthouse-Publikums über Kriegsverbrechen in Gaza vorausgesetzt. Unter solchen Vorzeichen mag es sich dramaturgisch auszahlen, bis zu den allerletzten, dokumentarischen Bildern eine gewisse Neugier zuzulassen, welchen Verlauf diese Geschichte schlussendlich tatsächlich genommen hat.

Das kann man unter ästhetischen Gesichtspunkten bedauern. In jedem Fall hat Ben Hania zuletzt in »Olfas Töchter« gewiss einen vielschichtigeren Mix aus Dokumentation und selbstreflexiver Inszenierung ins Bild gesetzt. Wenn hier neben der echten Stimme von Hind Rajab gelegentlich auch kurz die des realen Vorbilds von Omar zu hören ist, wirkt das nicht verfremdend, sondern schlicht als Beglaubigung der von der fiktionalisierten Figur gesprochenen Sätze. Allerdings ist es einer arabischen Filmemacherin kaum zu verdenken, wenn sie meint, mit subtileren Mitteln kein Interesse für palästinensische Kriegsopfer bei der westlichen Öffentlichkeit erzielen zu können. Auf einen groben Klotz gehört manchmal ein (relativ) grober Keil.

»Die Stimme von Hind Rajab«, ­Regie: Kaouther Ben Hania, Tunesien/Frankreich 2025, 89 Min., bereits ­angelaufen

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin Mandl aus Paris (23. Januar 2026 um 21:55 Uhr)
    Ich habe diesen beeindruckenden, berührenden, jedoch bedrückenden Film letztes Jahr zweimal gesehen. Mir ist nicht klar, worauf Holger Römers hinauswill. Es handelt sich hier nicht um einen groben Keil, sondern m. E. um ein einfühlsames Drama, basierend auf leider tatsächlich stattgefundenen Morden. Nach der Ermordung von Hind Rajab durch die israelische Armee wurde die Hind Rajab Foundation gegründet: https://www.hindrajabfoundation.org, deren Ziel es ist, israelische Kriegsverbrechen und -verbrecherInnen vor Gericht zu stellen. Derweil versucht die zionistische Lobby in Frankreich ein Gesetzt durchzupauken (loi Caroline Yadan), welches jede öffentliche Unterstützung Palästinas kriminalisiert. Viele ParlamentarierInnen des verkommenen Parti Socialiste unterstützen den Gesetzesentwurf.

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