Für viele ein Schock
Von Kristian Stemmler
In mehr als 20 deutschen Städten, darunter Hamburg, München, Frankfurt am Main und Dortmund, haben am Dienstag Tausende Menschen demonstriert. Sie bekundeten mit Sprechchören wie »Bijî Berxwedana Rojava« (Es lebe der Widerstand von Rojava) ihre Solidarität mit den Kämpferinnen und Kämpfern, die derzeit die seit Jahren de facto autonome Region in Nordostsyrien gegen die Angriffe der islamistischen Regierungstruppen verteidigen. Bei mehreren Kundgebungen kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die auf kurdische Mobilisierungen routinemäßig mit Großaufgeboten und Repression reagierte.
Von einem deeskalierenden Auftreten der Staatsmacht konnte etwa bei der Demonstration in Stuttgart keine Rede sein. Unter der Überschrift »Solidarität mit Rojava« hatten sich dort rund 2.000 Menschen versammelt. Der Polizei reichte das vereinzelte Abbrennen von Pyrotechnik, um den Aufzug immer wieder anzuhalten. Daraufhin hätten Demonstranten »vorbeifahrende Fahrzeuge und Einsatzkräfte« mit Flaschen und Böllern beworfen, teilte die Polizei mit.
In Hannover löste die Polizei eine Demonstration mit rund 3.000 Teilnehmern nach zwei Stunden auf. Diese hätten sich »zunehmend unkooperativ« verhalten, hieß es in einer Mitteilung der Polizeidirektion Hannover. Protestierende hätten sich vermummt und Beamte mit Böllern beworfen, auch seien verbotene Symbole und Fahnen gezeigt worden.
Die erhebliche Polizeipräsenz in Hannover konnte indes einen Messerangriff auf einen 21 Jahre alten Mann, der sich auf dem Rückweg von der Demo befand, nicht verhindern. Laut einer Mitteilung des kurdischen Dachverbands Nav-Dem wurde der junge Mann, der vor drei Jahren vor dem IS aus Kobanê nach Deutschland geflüchtet war, von zwei Unbekannten beschimpft, weil er eine Flagge der kurdischen Volksverteidigungseinheiten trug. Im Verlauf des Streits stach einer der Männer dem Kurden mit einem Küchenmesser in die Brust. Er kam ins Krankenhaus, ist aber außer Lebensgefahr. Nav-Dem Hannover wies darauf hin, dass die Eskalation in Nordsyrien von antikurdischer Propaganda »durch türkeinahe dschihadistische Gruppen« begleitet werde.
In Berichten vieler Medien ging es am Mittwoch fast nur um die Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Anliegen der Demonstranten kamen kaum zur Sprache. Dagegen berichtete der deutsche Ableger der kurdischen Nachrichtenagentur ANF über die Inhalte. In Hamburg, wo sich am Dienstag nachmittag nach Veranstalterangaben etwa 5.000 Demonstranten versammelten, sei die Stimmung von Wut geprägt gewesen, hieß es. Der Angriff auf Rojava sei nicht nur militärisch, zitierte ANF eine Rednerin. Es sei »ein Angriff auf eine politische Idee: auf Selbstverwaltung, auf ein Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien und Religionen, auf Frauenrechte, auf die Hoffnung, dass ein plurales Syrien möglich ist«. Unter den Demonstranten war demnach auch die Hamburger Bundestagsabgeordnete Cansu Özdemir, außenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag. Sie forderte den sofortigen Stopp der Angriffe in Nordsyrien und eine UN-Vollversammlung zum Thema.
Die kurdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik ist mit schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen die größte in Europa. Die Entwicklung in Syrien und vor allem in den kurdischen Siedlungsgebieten im Norden und Osten wird in der Community aufmerksam verfolgt, wie Mako Qoçgirî, Mitarbeiter des Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad, am Mittwoch gegenüber jW sagte. »Viele haben Angehörige vor Ort oder sehen die Region und das Projekt als Hoffnungsträger für ein friedliches Zusammenleben der Völker«, erklärte er. Dass dieses Projekt nun in so kurzer Zeit geostrategischen Überlegungen zum Opfer fallen könnte und dadurch zugleich der IS gestärkt werde, sei für viele ein »tief sitzender Schock«. Auch für das kommende Wochenende sind in zahlreichen deutschen Städten Demonstrationen in Solidarität mit den Menschen in Nordostsyrien geplant.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Matthias B. aus Dortmund (22. Januar 2026 um 15:54 Uhr)Da mehrere von Syrern betriebene Lokale in Dortmund attackiert wurden, würde ich ausnahmsweise einmal der Polizei für ihr Einschreiten recht geben. Generell verstehe ich nicht, warum die junge Welt Nationalismus verherrlicht, solange er von vermeintlich antiimperialistischen Völkern ausgeht. Seit mehreren Jahrhunderten leben Kurden und Araber in Syrien zusammen. Kaum haben sich die Araber von Assad befreit (ja, ein Diktator folgt auf den nächsten), nehmen einige Kurden dies zum Anlass, Hass gegen jene zu entwickeln. Das ist Nationalismus von der billigsten Sorte. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn man weltweit kaum Sympathisanten hat.
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