Kampf statt Kapitulation
Von Nick Brauns
Kurdische Streitkräfte in der Autonomieregion Rojava im Norden Syriens leisten heftigen Widerstand gegen das Vordringen von Truppen der islamistischen Regierung von Damaskus. Nicht nur die kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ sowie christliche Milizen, sondern auch viele zuvor im Selbstschutz ausgebildete Zivilisten haben im Zuge der von der Autonomieverwaltung ausgerufenen Generalmobilmachung zu den Waffen gegriffen. Die an der türkischen Grenze gelegene Stadt Kobani wird von drei Seiten von Regierungstruppen belagert, Wasser- und Elektrizitätsversorgung sind gekappt. Die Türkei als treibende Kraft der Offensive ihrer syrischen Verbündeten gegen die Autonomieregion griff südlich von Kobani mit Kampfdrohnen direkt in die Gefechte ein.
Am Dienstag nachmittag verkündete dann das syrische Verteidigungsministerium überraschend, dass seine Streitkräfte nicht in kurdische Dörfer und Städte eindringen würden. Diese Ankündigung könnte eine Reaktion auf ein Telefonat von Donald Trump mit dem syrischen Präsidenten Ahmed Al-Scharaa vom Vortag sein. So hatte der US-Präsident auf einen Stopp des Vormarsches auf die Stadt Hasaka gedrängt.
Ein Waffenstillstand, auf den sich Al-Scharaa und Mazlum Abdi, der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) der nord- und ostsyrischen Autonomieverwaltung, am Sonntag verständigt hatten, war zuvor gescheitert. »Statt Dialog wurde uns die völlige Unterwerfung diktiert. Damaskus agiert vollständig im Interesse der Türkei«, berichtete SDF-Sprecher Farhad Samî am Dienstag gegenüber dem Sender Rûdaw von den Verhandlungen über die Waffenstillstandsbedingungen. Abdi weigerte sich, eine Kapitulation zu akzeptieren. Bilder in kurdischen Medien zeigen den zuletzt staatsmännisch-zivil gekleideten kurdischen General nach seiner Rückkehr aus Damaskus wieder im Kampfanzug mit Sturmgewehr.
Aus der von Regierungstruppen am Sonntag eingenommenen Stadt Rakka kommen derweil Berichte von Greueltaten ihrer islamistischen Milizionäre. So soll ein jW vorliegendes Video mit einem Messer enthauptete SDF-Kämpfer zeigen. Rund 1.500 Kämpfer der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS), einschließlich ranghoher Emire, seien von Regierungstruppen bereits aus dem Gefängnis Al-Schaddadi in der Provinz Hasaka freigelassen worden, gibt SDF-Sprecher Samî an. In Rakka verteidigt weiterhin eine Gruppe von SDF-Kämpfern das Aktan-Gefängnis, in dem sich rund 2.000 der als besonders gefährlich eingeschätzten IS-Mitglieder befinden, gegen die Regierungskräfte. Die Kontrolle des Internierungslagers Al Hol bei Hasaka mit Zehntausenden IS-Anhängern wurde nach dem Rückzug der SDF am Dienstag von US-Streitkräften und Regierungstruppen übernommen. Offenbar sind bereits zahlreiche IS-Anhänger entkommen.
Die Angriffe auf Rojava haben eine Welle der Solidarität unter Kurden auch in den Nachbarländern sowie unter der Diaspora in Europa entfacht. In der Türkei hielt die linke Dem-Partei am Dienstag ihre Fraktionssitzung in Nusaybin ab, anschließend zogen die von Tausenden Menschen begleiteten Parlamentarier zum Grenzzaun, der die Stadt von ihrer Schwesterstadt Kamischli in Syrien trennt. Hunderten Jugendlichen gelang es, die Absperrungen zu überwinden, um sich dem Widerstand in Rojava anzuschließen. Die mit der Bewegung in Rojava ideologisch eng verbundene Kurdische Freiheitsbewegung – vormals PKK – erklärte ebenso ihre Unterstützung wie kurdische Parteien aus dem Iran und Irak.
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