Was passiert in Aleppo?
Interview: Gitta Düperthal
In den vergangenen Tagen hat die syrische Armee die kurdischen Stadtviertel von Aleppo angegriffen. Sie sind mit einer Delegation von »Women Defend Rojava« in der kurdisch geführten autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien. Was haben Sie dort erfahren?
Die Regierungstruppen, ein Bündnis verschiedener dschihadistischer Truppen der Haiat Tahrir Al-Scham, HTS, folgen dem Übergangspräsidenten Ahmed Al-Scharaa, selbst Mitglied der Al-Qaida mit IS-Mentalität. Wie der türkische Staat verfolgen sie mit ihren Attacken eine Ideologie, die es legitimiert, Kurden, Drusen, Alawiten und Christen umzubringen. Aus Videos und Aussagen von Menschen vor Ort geht hervor: Die Angreifer sprechen Türkisch, tragen Flaggen und Symbole des IS und der Türkei. Die stellen sie mit Stolz bei Folter, Kidnapping und Ermordung zur Schau. Ähnliche Angriffsstrategien gab es 2018 gegen Afrin. Über die angegriffenen Regionen fliegen türkische Drohnen. Da es keinen internationalen Aufschrei gab, können sie es machen. Scheich Akram Al-Maschusch, Berater des arabischen Al-Dschabur-Stammes, bestätigte, dass die grausamen Angriffe auf Aleppos Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafija auf türkischen Befehl hin erfolgten und vom IS ausgeführt wurden.
Der leblose Körper einer kurdischen Kämpferin soll aus dem Fenster eines Hauses geworfen worden sein. Was wissen Sie darüber?
Ein Video zeigt, dass menschenverachtende IS-Mentalität vor nichts zurückschreckt. Ihr Name ist Deniz Çiya. Sie war im Einsatz, um die Menschen in Aleppo zu verteidigen. »Wir sind derzeit vom Feind umzingelt, der mit seinen massiven Panzern eine große Gefahr für die ganze Welt und die Bewohner der Region darstellt, insbesondere die Frauen. Zahlreiche Banden greifen uns an …«, hatte sie zuvor geschrieben. Sie werde bis »zum letzten Atemzug« kämpfen.
Was hören Sie von Frauen aus den Vierteln der Selbstverwaltung?
Viele, die jetzt fliehen mussten, waren bereits 2018 und 2024 vor türkischen Angriffen aus Afrin und Scheba geflohen. Durch physische und psychische Gewalt sind sie traumatisiert. Ich habe nicht nur von Vertreibung gehört, sondern von Vergewaltigungen, Entführungen und Verstümmelungen von Frauen und Kindern. Freunde aus dem Nachbarort berichteten von Schreien der Misshandelten in Scheich Maksud. Eine der Kriegsstrategien ist es, ihre Würde zu brechen. Denn Frauen sind das Rückgrat der Gesellschaft, auf ihre Initiative hin werden Strukturen aufgebaut und erhalten.
Was wissen Sie über die Ursachen? Die Verhandlungen über die Eingliederung der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in die syrische Armee waren Anfang des Jahres gescheitert.
Die Unterzeichnung des Abkommens hatte die HTS immer wieder verschoben. Am 4. Januar wurden beim Treffen der SDF und der Übergangsregierung Ergebnisse erzielt, denen auch internationale Kräfte zustimmten. Mitten im Gespräch kam ein Staatsvertreter hinzu, führte den Geheimdienstchef und den Verteidigungsminister ins Nebenzimmer. Es könne keine Vereinbarung geben, hieß es dann. Die im Dezember begonnenen Angriffe auf Aleppo wurden fortgeführt.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Al-Scharaa für Montag nach Berlin eingeladen, um mit ihm über die Abschiebung Geflüchteter aus Syrien zu verhandeln. Nun hat der abgesagt.
Mit der Abschiebung in die Hände eines dschihadistisch gesteuerten Regimes verfolgt der deutsche Staat sein Interesse am eigenen Profit. Mit der Einladung legitimiert die Regierung die Verbrechen der HTS. Dieses Regime kennt keine demokratischen Werte.
Immer wieder sind diffuse Drohungen aus den USA zu hören, man werde eingreifen. Welche Rolle spielen die US-Truppen dort?
Die USA haben machtpolitische und wirtschaftliche Interessen, etwa an Ölfeldern und Handelsrouten, die durch die Regionen von Nord- und Ostsyrien verlaufen. Über die Politik Israels haben sie Einfluss im Mittleren Osten. Die Angriffe sind wahrscheinlich förderlich für ihre langfristigen Pläne dort.
Lea Schneider ist Aktivistin von »Women Defend Rojava«
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