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Aus: Ausgabe vom 20.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Der Traum ist aus

Das Ende der Autonomie von Rojava
Von Nick Brauns
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Noch wehen die Banner der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ auf einem Wandgemäle in Kamischli

Die auch als Rojava bekannte Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien galt mit ihrem Anspruch von Rätedemokratie, Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung ethnischer Gemeinschaften vielen Linken weltweit als ein Leuchtfeuer der Hoffnung. Nun steht dieses Projekt angesichts einer Offensive syrischer Regierungstruppen vor dem Ende.

Entscheidend dafür dürfte die veränderte Positionierung der USA sein, unter deren militärischem Schutzschirm sich die Region in den vergangenen zehn Jahren entwickeln konnte. Hier von einem Verrat Washingtons zu sprechen wäre dennoch verfehlt. Denn tatsächlich hatten die USA niemals das politische Projekt einer »demokratischen Autonomie« unterstützt, sondern ausschließlich die militärische Kooperation mit den um die kurdischen Verbände gebildeten multiethnischen Demokratischen Kräften Syriens (SDF) betrieben. Auch die kurdische Seite hatte stets betont, dass ihr im Namen des gemeinsamen Kampfes gegen den »Islamischen Staat« (IS) eingegangenes Bündnis mit der imperialistischen Macht nur taktisch sei.

Tatsächlich ging es den USA primär um die Zurückdrängung des iranischen Einflusses und die Loslösung Syriens aus der »Achse des Widerstands«. Mit dem Sturz der Baath-Herrschaft und der Machtübernahme durch Ahmed Al-Scharaas Islamisten bestand für die USA kein Grund mehr, ihre das Verhältnis zur Türkei belastende Partnerschaft zu den SDF wie bisher aufrechtzuerhalten. Vielmehr ließ die Trump-Administration Ankara als Gegenleistung für die Unterstützung ihres kolonialistischen Gazaplans freie Hand in Syrien.

Die israelische Regierung wiederum hat ihr Interesse an den syrischen Kurden als Druckmittel verloren, nachdem sie vor zwei Wochen ein Abkommen mit Damaskus geschlossen hatte, das ihr die Kontrolle über den Süden Syriens ermöglicht.

In arabischen Siedlungsgebieten, wo die SDF oft mehr als Besatzer denn als Befreier vom IS wahrgenommen wurden, kam es angesichts des Vorrückens der Regierungstruppen am Wochenende zu einem massenhaften Abfall arabischer SDF-Einheiten. Schließlich büßte die Autonomieverwaltung mit der Einnahme der größten Öl- und Gasfelder durch Al-Scharaas Truppen ihr ökonomisches Rückgrat ein.

Dies alles dürfte den SDF-Oberkommandierenden Mazlum Abdi am Sonntag abend bewogen haben, angesichts eines »aufgezwungenen Krieges« zur Vermeidung von »weiterem sinnlosen Blutvergießen und zivilen Opfern« einer von Washington vermittelten Waffenstillstandsvereinbarung zuzustimmen. Faktisch bedeutet diese Vereinbarung, die die Handschrift Ankaras trägt, die Kapitulation Rojavas mit Auflösung der Autonomieverwaltung und ihrer Streitkräfte.

Für die Kurden – die noch über Zehntausende Kämpferinnen und Kämpfer verfügen – geht es jetzt um die Verteidigung ihrer blanken Existenz. Der linke Traum von der antinationalen anarchistischen Föderation im Norden Syriens ist dagegen ausgeträumt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz Schoierer (27. Januar 2026 um 10:25 Uhr)
    »Demokratische Selbstverwaltung, Rätedemokratie, Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung ethnischer Gemeinschaften« klingt alles sehr schön. Da ist viel von Demokratie die Rede, wer wollte das kritisieren? Nick Brauns schreibt: »Mit dem Sturz der Baath-Herrschaft und der Machtübernahme durch Ahmed Al-Scharaas Islamisten bestand für die USA kein Grund mehr, ihre das Verhältnis zur Türkei belastende Partnerschaft zu den SDF wie bisher aufrechtzuerhalten.« Darin liegt viel Wahrheit: Die Kurden haben sich mit ihrer Kumpanei (für Brauns lediglich »Taktik«) mit dem US-Imperialismus (Diebstahl syrischen Öls, Spaltung Syriens) bei dem Regime Change in Syrien verdient gemacht. Jetzt werden sie nicht mehr gebraucht. Von Otto Rehhagel stammt der Spruch: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Auf die Kurden bezogen: Was nützen die ganzen schönen Parolen, Proklamationen etc., wenn man objektiv die imperialistischen Machenschaften unterstützt? Die theoretische Grundlage dafür lieferte der PKK-Vorsitzende Öcalan. Aus einem Interview mit der »Vierteljahresschrift für den Nahen Osten« (1998): MEQ: »Auf ihrem fünften Kongress im Januar 1995 entfernte die PKK Hammer und Sichel von ihrer Flagge und legte weiterhin weniger Wert auf ihren früheren Marxismus. Was sagen Sie denen, die sagen, dies sei eine kosmetische Veränderung gewesen und Sie seien immer noch Marxist, Kommunist?« Öcalan: »Für uns ist es nicht möglich, Kommunisten zu sein. Warum ist die Sowjetunion zusammengebrochen und die USA nicht? Weil die Regierung im Kommunismus alles war und der Mensch nichts. Die USA repräsentieren Entwicklung.« Auch im theoretischen Hauptwerk der PKK »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« bezieht sich die PKK positiv auf die USA, die EU und Israel. Gleichzeitig wird der »Realsozialismus« als eine Form des Faschismus bezeichnet: »Der frühere faschistische Totalitarismus oder seine real-sozialistische Version können vielleicht bereits als überwunden gelten.«
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim Seider aus Berlin (20. Januar 2026 um 14:11 Uhr)
    Solche Niederlagen sind sehr, sehr schmerzlich. Aber indem sie uns schmerzen, wissen wir: Der Kampf war nicht vergebens. Und: Die Träume bleiben wichtig, damit sie eines besseren Tages Wirklichkeit werden können.
  • Leserbrief von R. Jung aus Wien (20. Januar 2026 um 00:24 Uhr)
    Vielleicht eine vorschnelle Schlussfolgerung – auch wenn die Analyse die negativen Faktoren richtig benennt. Die Entschlossenheit der kurdischen Bevölkerung, ihre Revolution zu verteidigen, wird wohl unterschätzt. Wer hätte im August 1918 bei Swijaschsk gedacht, dass die Rote Armee unter ihrem Volkskommissar L. D. Trotzki mit der 5. Armee (mit Rosenholz, Raskolnikow und Smirnow) den Grundstein zum Sieg über die Weiße Armee legen würde?

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