Ein kleiner Rettungsanker
Gemessen daran, dass per Unterschrift von Sonnabend im paraguayischen Asunción die größte Freihandelszone der Welt entstanden sein beziehungsweise erst noch entstehen soll, war das Echo hierzulande eher schwach. Gemessen wiederum am bisherigen Handelsvolumen zwischen EU und Mercosur (gerade einmal ein Achtel des Handelswerts zwischen EU und USA beziehungsweise EU und China) mag das nicht überraschen. Gemessen allerdings drittens daran, dass die Hochzeiten des Freihandels einstweilen passé zu sein scheinen, könnte die Vereinbarung doch den Verfechtern einer »regelbasierten« Welt(handels)ordnung wie ein Hoffnungsschimmer vorkommen. Es gibt solche Stimmen, sie muten an wie das Pfeifen im Walde.
Ein lichtes Zeichen in dunklen Zeiten des Protektionismus der USA mit ihrem erratischen Präsidenten findet tatsächlich die Süddeutsche Zeitung: »Während Handel Annäherung bringt und ein Handelsabkommen Gesprächskanäle etabliert, ist die wirtschaftliche Abschottung das glatte Gegenteil. Sie ist die kleine Schwester des Nationalismus, und der wiederum ist der Nährboden des Kriegs.« So sieht’s nämlich aus: Die Staaten der EU »steuern in Frieden, der andere in Krieg«, weshalb Europa »auch mal feiern« darf.
Weniger hymnisch, eher nüchtern, schreibt die Welt zur Schaffung der Freihandelszone: »Inzwischen ist Südamerika für die Europäer zu einem kleinen Rettungsanker in einer stürmischen geopolitischen See geworden, der auch die letzten Zweifler in Paris überzeugte, dass es vielleicht doch besser ist, paneuropäische über nationale Interessen zu stellen.«
Die Washington Post erdet die ganze Angelegenheit durch Hinweis auf Ökonomisches: »Angesichts der wachsenden Konkurrenz durch China und der extrem hohen US-Zölle freuen sich renommierte deutsche Automobilkonzerne wie Volkswagen und BMW über diesen Boost (…).«
Der brasilianische Medienmonopolist Globo sieht Vorteile für die größte südamerikanische Volkswirtschaft, denn das Abkommen erweitert »den Zugang Brasiliens zum globalen Handel erheblich und schafft eine neue Ebene der internationalen Integration für die nationale Industrie«.
Zwieschlächtig könnte die Sache indessen für die Ökonomie Argentiniens ausgehen, wie die dortige linke Zeitung Pagina 12 berichtet: »Die wichtigsten Unternehmerverbände des Landes bekundeten ihre politische Unterstützung für das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur.« Doch »gleichzeitig, wenn auch weit unterhalb des Medienradars, bleiben kleine und mittlere Industriebetriebe skeptisch«. Man muss kein Nostradamus sein, um vorherzusagen, dass der ohnehin schwachen argentinischen Industrie mit der Freihandelsvereinbarung der Garaus droht. (brat)
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