Bewegungsfreiheit für eine Seite
Von Leon Wystrychowski
Die von vielen befürchteten und von manchen erhofften Gewaltausbrüche blieben am Sonnabend in Leipzig aus. Dafür allerdings musste das Recht auf Versammlungsfreiheit zurückstecken: Die von der Gruppe Lotta Antifascista initiierte und von verschiedenen antifaschistischen und palästinasolidarischen Organisationen unterstützte Demonstration unter dem Motto »Antifa means Free Palestine« durfte nicht die ursprünglich angemeldete Route durch den Stadtteil Connewitz laufen. Die Behörden begründeten dies kurzfristig mit der dort drohenden Gewalt, wie die Organisatoren auf Instagram berichteten: »Die Polizei könne unsere Sicherheit nicht garantieren.« In dem Stadtteil, der seit Jahren von »Antideutschen« heimgesucht wird, war es in der Vergangenheit wiederholt zu antipalästinensischen, antiarabischen und antimuslimischen Attacken gekommen, was überhaupt erst den Anlass für die Demo vom Wochenende gegeben hatte. Der Demozug sollte eigentlich die Orte der Angriffe ablaufen und dabei auch am »Linxxnet« – dem Büro der rechten Linkspartei-Politikerin Juliane Nagel – sowie am »antideutschen« Szenetreff »Conne Island« vorbeiziehen. Dazu kam es nicht.
Die Veranstalter sprachen von einem faktischen Demoverbot. Dennoch entschied man sich dagegen, gegen die Verfügung zu klagen. Die Rechtsanwälte gingen davon aus, dass das Gericht der »Einordnung der Gefahrenlage« seitens der Behörden »sehr wahrscheinlich« folgen werde. Teilnehmer äußerten gegenüber jW durchaus Verständnis für die polizeiliche Entscheidung: »Sonst hätte es schiefgehen können«, meinte ein Demonstrant mit Verweis auf die Aggressivität des »antideutschen« Lagers.
Die Demo, an der nach Angaben der Organisatoren bis zu 2.000 und laut Polizei 1.400 Personen teilnahmen, lief statt dessen in Richtung Hauptbahnhof. Auch hier kam es zu Provokationen, Drohungen und versuchten Angriffen der sich rund um die Demo zusammenrottenden Netanjahu-Fraktion, die sich frei bewegen konnte. Die »Antideutschen« riefen Parolen wie »Der Mossad kriegt euch alle«, »Netanjahu ist Antifaschist«, »Wo sind eure Pager?« oder »Nie wieder Gaza«. Die Polizei zeigte sich wie bei Demos mit Palästina-Bezug üblich: Demonstranten wurden gezielt bedroht, geschlagen und etwa 20 Personen zwischenzeitlich festgenommen. Gleichzeitig gewährte sie den »Antideutschen« Bewegungsfreiheit, tolerierte ihre vielfach totale Vermummung und ließ sie immer wieder sehr nah an die Demo herankommen.
Von der von bürgerlichen Medien und »antideutscher« Seite im Vorfeld konstruierten Querfront war nichts zu sehen: Die Veranstalter hatten, nachdem einige rechte Kräfte angekündigt hatten, an der von ihnen als »Anti-Antifa-Aktion« dargestellten Demo teilzunehmen, wiederholt klargemacht, dass sie das nicht dulden würden. So tauchten am Ende lediglich einige rechte Influencer auf, die offenbar auf »innerlinke« Gewaltszenen hofften. Als ein »Antideutscher« nach einem rechten Streamer schlug und statt dessen einen Polizisten am Kopf traf, reagierte dieser nur mit einem Achselzucken. Augenscheinlich wissen die Beamten sehr genau, dass es sich bei diesen Leuten um den verlängerten Arm der ziemlich deutschen und ziemlich rechten »Staatsräson« handelt.
Viele Linke haben diese Tatsache weniger gut begriffen: Ähnlich wie die Rechten, Bild oder dpa waren zumindest Teile der etwa 1.000 Gegendemonstranten scheinbar ernsthaft davon überzeugt, dass es sich bei der Antifa-Palästina-Demo um einen sinnlosen Spaltungsakt handle. Davon zeugten Schilder mit Sprüchen wie »Wenn sich Linke streiten, freuen sich die Nazis«. Dieses Narrativ wurde allerdings von der »antideutschen« Seite selbst aktiv bespielt. Am Freitag riefen mehrere Linksparteipolitiker, darunter Nagel, zur »Deeskalation« auf. Man wisse, »dass die Demoanliegen für viele mit starken Emotionen verbunden sind«, man müsse aber »friedlich und besonnen demonstrieren« und »mit Worten« streiten. Die Erklärung las sich wie der Aufruf von Sportvereinen an ihre Fans, sich nicht zu prügeln. Entpolitisierung war schon immer eine rechte Strategie. Die Organisatoren der Antifa-Palästina-Demo zeigten sich trotz allem zufrieden: »Es war ein Erfolg, Palästina-Soli am Connewitzer Kreuz lautstark ertönen zu lassen und den Protest gegen den Genozid bis in Leipzigs Innenstadt zu tragen.« Man hoffe, dass die Demo der Auftakt für ein »angstfreies« Connewitz sei.
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Leserbrief von Winfried Schmidt aus Leipzig (19. Januar 2026 um 10:49 Uhr)Wenn man so will, ist Connewitz ein stark entmischter Stadtteil. Die anderen Rechten nennen sowas »national befreite Zone«. Viele junge Leute haben aber inzwischen Freunde und Freundinnen in sog. migrantisch gelesenen Personenkreisen anderer Stadtteile gefunden. Die jungen Leute haben also direkten Kontakt zu Personen, die aus den Völkermord- und Kriegsgebieten kommen. Damit verlieren Jule Nagel und die anderen alten weißen Frauen und Männer aus ihrem Umfeld die Deutungshoheit darüber. Der Frau gehen die Leute von der Stange. Zurück bleibt die ältere Generation dieser Personen. Und das sind die besorgten antideutschen Bürger, die sich in ihrem Gebaren und ihrer Wortwahl von einer typisch deutschen Seite vergangener Zeiten zeigen.
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Leserbrief von Raimon Brete aus Chemnitz (19. Januar 2026 um 10:43 Uhr)Auch ich habe aufgeatmet und dennoch hat mich die erneute ideologisch motivierte Konfrontation »linker« Gruppierungen, unter aktiver Beteiligung von Vertretern der Partei Die Linke, ge- und betroffen. Das Geschehen widerspiegelt die gesellschaftstheoretische Konzeptionslosigkeit sowie die inhaltliche und personelle Zerrissenheit, gepaart mit machtpolitischen Führungsansprüchen und einer systemerhaltenden Politik in der Linken. Das Ganze führt durch eine fehlende verbindliche Definition »Was ist links« zu Irritationen und fördert zunehmend Vorurteile in der Bevölkerung. So hat sich z. B. der Landesverband Sachsen der Linken nie konsequent und eindeutig gegen die Connewitzer Krawalle und die »Antideutschen« gestellt. Im Gegenteil, mit der Unterstützung von Juliane Nagel als deren Landtagsabgeordnete, wird der Zerfallsprozess einer einheitlich handelnden Linken, nicht nur in Leipzig, weiter befördert.
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Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (19. Januar 2026 um 18:27 Uhr)Die Crux war eben damals, als das Linkssein erfunden wurde, dass es als Beliebigkeit installiert werden sollte. Pragmatismus statt Standpunkt und Schwanken statt Bewegung. Das Rezept hat sich bewährt: Links erledigt sich gegenseitig selbst. Und die Rechte feixt.
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