Funktionieren Ökosysteme ohne Beutegreifer?
Wolf und Luchs sind in der Bundesrepublik, also auch im Land Thüringen streng geschützt. Mit Blick auf die aktuellen Bestandszahlen beider Raubtiere spricht der Nabu Thüringen aber von »gemischten Gefühlen«. Warum?
Einerseits, weil die Bestandszahlen beim Luchs einen leichten Aufwärtstrend zeigen. Aktuell haben wir etwa 25 Tiere in Thüringen, davon elf residente, also dauerhaft anwesende Luchse, davon drei Weibchen mit Nachwuchs. Andererseits haben wir in Thüringen drei Wolfsrudel und zwei Paare – das ist nicht viel. Theoretisch haben wir Lebensraum für zehnmal so viele Tiere.
Inwieweit unterscheidet sich die Debatte um Luchs und Wolf?
Beim Luchs sieht die Politik keinen Handlungsbedarf. Die Debatte um den Wolf wird dagegen emotional geführt. Die Auseinandersetzung muss aber sachlich und fundiert sein. Als seinerzeit die Regierung Scholz der EU-Kommission einen günstigen Erhaltungszustand des Wolfsbestands meldete, hatte sie nachweislich die tatsächliche Faktenlage ignoriert. Der Wolf in Deutschland – und ganz besonders in Thüringen – ist nach wie vor in einem ungünstigen Erhaltungszustand. In den letzten beiden Monitoringzeiträumen lag die Zahl der Wolfsrudel in Deutschland bei etwas mehr als 200. Dem stehen mehrere Millionen Wildtiere als natürliche Beutetiere gegenüber.
Laut Ihrer Presseerklärung lehnt die Mehrheit der Thüringer Bevölkerung eine Ausweitung der Wolfsjagd ab. Warum setzen sich Ministerpräsident Mario Voigt und Umweltminister Tilo Kummer trotzdem für die flächendeckende Jagd auf Wölfe ein?
Wir sehen, dass es in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz gegenüber beiden Beutegreifern gibt. Vor dem Hintergrund der Landschaftsgestaltung sind Wolf und Luchs wichtige Kooperationspartner, denn das Ökosystem funktioniert ohne Beutegreifer nicht, da es zuviel Wild gibt. Ich habe die Wälder gesehen, durch die Muffelherden ziehen – für Waldbesitzer eine Katastrophe. Einhalt gebieten kann man dem kaum über jagdliche Steuerungsmechanismen. Wolf und Luchs schaffen das aber auf jeden Fall. Dem steht aber ein bestimmter Teil der Bevölkerung gegenüber, der einen starken Zugang in die Politik hat und den Wolf mit »Blei und Schrot« abschießen möchte. Bedenken sollte man dabei unter anderem, dass durch Jagd auf Wölfe die Übergriffe auf Weidetiere steigen könnten, weil Rudelstrukturen zerstört werden und die Wölfe dadurch in Notlagen geraten.
Der Deutsche Jagdverband beklagt hingegen die kosten- und personalintensiven Herdenschutzmaßnahmen.
Das sind vorgeschobene Gründe. Wir sitzen ja in Gremien und in Arbeitsgruppen im Ministerium, da sind auch die Bauernverbände und die Weidetierhalter mit dabei. Ich habe noch nie erlebt, dass sich der Landesjagdverband mit Schäfern an einen Tisch setzt, um Politik für die Schäfer zu machen. Es ist nicht zu teuer, denn es sind Weidetierhalter, insbesondere Schäfer, die mit ihren Tieren aktiven Naturschutz machen. Viele Schäfer werden aber in naher Zukunft aufhören, weil ihre Arbeit wirtschaftlich immer unattraktiver wird – und das liegt definitiv nicht am Wolf. Was Thüringen angeht, kann ich sagen, dass 100 Prozent der von Wolfsrissen betroffenen Schäfer keinen optimalen Herdenschutz hatten.
Am Mittwoch hat der Bundestag in erster Lesung über den Gesetzentwurf zur Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz debattiert. Welche Konsequenzen hätte ein verschärftes Bundesjagdgesetz für Thüringen?
Da es sich bei dem Bundesjagdgesetz um Bundesgesetzgebung handelt, können die Bundesländer den Wolf – weil föderal – selbst ins Jagdrecht übernehmen. Das hat ja Sachsen schon 2012 gemacht. Es geht der Bundesregierung aber am Ende nicht um die erleichterte Entnahme von Problemfällen, sondern darum, Wölfe flächendeckend zu jagen und wolfsfreie Zonen zu schaffen. Mit sogenannten »Problemwölfen« lässt sich auch jetzt schon zurechtkommen, ohne das Jagdgesetz.
Silvester Tamás ist Koordinator des Luchsprojekts beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) Thüringen e. V.
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