Authentisches Element
Von Nico Popp
Den preußischen Leutnant, den macht uns keiner nach, frohlockte einst das wilhelminische Bürgertum – bis der doppeldeutige Spruch den Weg in die antimilitaristische Literatur fand. Auch die Gestalten, die am Sonnabend am Rande der von palästinasolidarischen Gruppen in Leipzig organisierten Demo herumschlichen, »macht uns keiner nach«: Mit der äußerlichen Anmutung einer Faschokameradschaft, hinter Sonnenbrillen und der Flagge des Staates Israel versteckt, brachten sie Parolen wie »Nie wieder Gaza« und »Netanjahu ist ein Antifaschist« zu Gehör.
Dieser Absturz unter jedes Niveau hat so nach 1990 tatsächlich nur in Deutschland stattgefunden, wo diese Mischung aus grotesker Blödheit und Menschenfeindlichkeit unter antifaschistischer Kappe auftritt und als »links« beglaubigt wird. Ein Erfolg der kleinen Demo, die sich gegen Übergriffe »antideutscher« Schläger im Stadtteil Connewitz richtete, ist es, auf eine neue Weise den Blick auf dieses Panoptikum gelenkt zu haben. »Connewitz« ist längst zu einer Chiffre für die proimperialistische und antikommunistische »Linke« in Deutschland geworden. Während sich das alte Antideutschtum andernorts schon vor Jahren aus dem Aktivismus in Karrieren in den diversen, diesen Leuten offenstehenden politischen, journalistischen, akademischen und gewerkschaftlichen Apparaten verabschiedet hat, existiert es in Leipzig weiterhin als »Szene« wie kaum noch irgendwo sonst.
Dass die deutsche Linke inzwischen weltweit in dem Ruf steht, ein schlechter Witz zu sein, hat viel damit zu tun, dass dieses Antideutschtum seit 2023 im Zusammenhang mit der Debatte über die Kollaboration der Bundesrepublik mit der halbfaschistischen Netanjahu-Regierung verstärkt die Aufmerksamkeit einer internationalen Öffentlichkeit auf sich gezogen hat. Die »What the fuck«-Ausrufe in sozialen Medien unter Bildern, die deutsche »Linke« zeigen, die mit israelischen Flaggen gegen palästinasolidarische Mobilisierungen aufmarschieren, sind inzwischen ein eigenes Genre.
Hier besteht allerdings die Gefahr einer Verzerrung. Es gab und gibt eine hartgesottene proimperialistische Linke unter anderen Namen und in anderer Gestalt auch in den meisten anderen kapitalistischen Ländern. Ihre reale Stärke in Deutschland sollte man nicht überschätzen: Das Resultat der wochenlangen, mit Einschaltung von allerlei Bündnispartnern verbundenen Mobilisierung gegen die Demo der palästinasolidarischen Antifaschisten war recht übersichtlich.
Und die »Nie wieder Gaza«-Freakshow ist auch gar nicht das wesentliche politische Problem. Das besteht darin, dass diese Witzfiguren authentisches Element einer politischen Linken (und einer Linkspartei) sind, die in den herrschenden politischen Block integriert ist. Das Antideutschtum ist lediglich der peinlichste Ausdruck dieser Integration, mit der gebrochen werden muss, wenn die Rekonstruktion einer politisch selbständigen Linken in Deutschland gelingen soll.
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