Die Abwicklerin
Von Reinhard Lauterbach
Als ihr »prorussische« Konkurrenten im Wahlkampf 2024 vorwarfen, sie strebe insgeheim das Aufgehen der Republik Moldau im benachbarten Rumänien an, schwor sie noch Stein und Bein, sie wolle die staatliche Selbständigkeit des Landes bewahren. Jetzt hat Maia Sandu, die Präsidentin von Moldau, erklärt, sie würde im Falle eines Referendums für den Anschluss Moldaus an Rumänien stimmen. 2023 hatte sie noch Russland vorgeworfen, es wolle die Unabhängigkeit von Moldau rückgängig machen. So ändern sich die Zeiten. Auch Maia Sandu ist eine von denen, die sich nicht besonders um ihr Geschwätz von gestern scheren.
Durch lange Traditionen »geheiligt« ist die moldauische Staatlichkeit sicher nicht. Wenn, dann stand an ihrem Ursprung die Sowjetunion, die die Region 1940 als Nebenfolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes von 1939 annektierte und zur Moldauischen Sowjetrepublik erklärte. Zuvor war das damalige Bessarabien mehrfach zwischen dem Osmanischen Reich, Russland und Rumänien hin- und hergewandert. Entsprechend gemischt ist die Bevölkerung: Es gibt Menschen, die sich dem russisch-ukrainischen Kulturkreis zurechnen, es gibt solche, die sich als Rumänen fühlen, auch eine kleine türkische Minderheit, die es politisch meist mit den moldauischen »Prorussen« hält. So kommt es, dass der Gedanke einer Vereinigung Moldaus mit Rumänien nach Sandus eigenen Worten derzeit nur von einem Drittel der Bevölkerung geteilt wird.
Stellt sich also die Frage, was Sandu und was ihre Finanziers in Brüssel mit dem aktuellen Vereinigungsvorstoß bezwecken. Höchstwahrscheinlich ist Brüssel des schwankenden Charakters der politischen Volksseele in Moldau überdrüssig geworden. Sie ist traditionell ungefähr hälftig polarisiert zwischen »prorussischer« und »proeuropäischer« Option. Wenn Sandu ihre Wahlen alle mit den Stimmen der dem Broterwerb nachgewanderten Auslandsmoldauer gewonnen hat, heißt das im Umkehrschluss, dass sie im eigenen Land eben keine Mehrheit besitzt. Und der EU-Beitritt eines Landes mit einem nennenswerten »prorussischen« Bevölkerungsanteil ist in Brüssel wohl eher nicht vorgesehen. Dieses Problem wäre mit einem Beitritt Moldaus zum achtmal größeren Rumänien schon rein arithmetisch gelöst. Eine ungeliebte Minderheit mit abweichender Loyalität politisch zu marginalisieren – das hat die BRD mit der Bevölkerung der DDR vorgemacht. Geht also alles. Die Kosten für den moldauischen Staatsapparat kann man auch gleich einsparen.
Bleibt die Frage, was aus Transnistrien wird. Läuft die dortige Bevölkerung so wie die der DDR 1990 der D-Mark jetzt dem Euro nach? Oder implodiert das dortige Staatswesen von sich aus und fällt der Ukraine in den Schoß? Denn Russland kann es nicht verteidigen, solange es nicht Odessa erobert hat. Ist Sandus Vorstoß am Ende ein impliziter Vorgriff auf diese Situation?
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