Woker des Tages: Platon
Von Felix Bartels
Die Philosophie kennt nur zwei Sorten, Versöhner und Spalter. Platon gehört zu letzteren. Es war an ihm, in parmenideischer Feierlichkeit auszusprechen, dass das, was wir sehen, nicht dasselbe sei wie das, was ist. Dass wir alle in einer Höhle leben. Er opferte sich, damit Aristoteles nach ihm das Scharfgetrennte zur Einheit aufheben konnte, 2.400 Jahre später holt ihn das ein.
Nach einem Bericht der New York Times muss ein Professor der Texas A & M University Platons »Symposion« aus dem Plan streichen. Mit Beruf auf Regeln, die der republikanisch dominierte Kongress in Austin im November festgelegt hat, »Themen um sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität« seien zu canceln. Peterson heißt der Mann. Martin, nicht Jordan – der hat eher Ärger mit der anderen Fraktion, den woken Kuckucksheimern, die den Trumpleuten bei Beschneidung der Wissenschaft in nichts nachstehen.
»Symposion«, akademisch »Symposium«, bedeutet so viel wie »zusammen saufen«. Gesinnungswächter unterdes können auch ohne Alkohol unzurechnungsfähig sein. Inkriminiert wurde neben der Diotima-Passage der Kugelmenschenmythos des Aristophanes. Nach ihm hatten die Menschen einst Kugelform und drei Geschlechter – männlich, weiblich, gemischt –, ehe die Götter sie halbierten. Seither laufen wir Halblinge durch die Welt, auf der Suche nach unserer anderen Seite. Drei Geschlechter? Der Wächterrat ist auf den Hinterbeinen. Klassische Texte, die ihr Streichholzschachtelweltbild sprengen, wo kommt man da hin? Blöd auch, dass der Mythos noch nicht mal von Gender handelt. Die Hälften der rein weiblichen und männlichen Kugeln suchen einen Partner gleichen Geschlechts, die der gemischten bezeichnen schlicht heterosexuelle Menschen. Die Unfähigkeit, einen Text zu verstehen, ist derart weit gediehen, man könnte meinen, wir leben in einer Höhle.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (14. Januar 2026 um 09:59 Uhr)Platon hatte Plattfüße, hinkte und war vermutlich kein sonderlich eindrucksvoller Athlet, obwohl sein Beiname anderes nahelegt. Aber niemand käme auf die Idee, die Politeia mit orthopädischen Gutachten zu widerlegen oder die Ideenlehre wegen einer schief gewachsenen Hüfte zu canceln. Die Philosophie misst nicht in Schrittweiten, sondern in Gedankensprüngen. Wer das Werk am Körper des Autors festnageln will, hat bereits kapituliert – vor dem Denken selbst. Heute jedoch scheint genau diese Kapitulation zum akademischen Ideal erhoben. Texte werden nicht mehr gelesen, sondern abgetastet, nicht verstanden, sondern überprüft, ob sie sich anfühlen wie der aktuelle Gesinnungskorridor. Platon darf bleiben, solange er brav als Marmorbüste funktioniert: weiß, tot, harmlos. Sobald er spricht – und womöglich Dinge sagt, die älter, größer und widerspenstiger sind als der jeweilige Erlass aus Austin –, wird er gefährlich. Dann muss er weg. Nicht, weil er Unrecht hätte, sondern weil er Recht haben könnte. Der Kugelmenschenmythos ist dafür ein Musterfall. Ein dichterischer Versuch, menschliches Begehren, Verlust und Suche zu erklären, wird von heutigen Aufsehern mit der Pinzette seziert, bis nur noch ein vermeintlicher Regelverstoß übrig bleibt. Drei Geschlechter? Alarm! Dass es sich um Mythos handelt, um Komödie, um Anthropologie avant la lettre – gleichgültig. Wer nur noch nach Triggern sucht, findet keine Gedanken mehr. So schließt sich Platons Höhle. Nicht, weil uns die Wahrheit vorenthalten würde, sondern weil wir uns freiwillig abwenden. Die Schatten an der Wand heißen heute »Richtlinien«, »Sicherheitsräume« und »Canceln«. Sie geben vor, uns zu schützen, während sie uns infantil halten. Und wie die Gefangenen in der Höhle reagieren wir aggressiv auf jeden, der behauptet, draußen gäbe es mehr als das genehmigte Schattenspiel. Platon hinkte. Unsere Zeit denkt schief. Und anders als sein körperliches Gebrechen ist das kein nebensächliches Detail, sondern das eigentliche Drama.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (13. Januar 2026 um 20:17 Uhr)Tertium datur: Bieten sich zwei Erklärungen an, ist die dümmere die richtige. Es sei denn, es gibt eine noch dümmere. Da Donald sich stets bemüht, unseren Anforderungen gerecht zu werden, findet er stets die dritte Erklärung.
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