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Aus: Ausgabe vom 23.07.2022, Seite 13 / Geschichte
Postsowjetische Geschichte

Lebed of Bessarabia

Vor 30 Jahren erzwang ein russischer General einen Waffenstillstand im moldauischen Bürgerkrieg
Von Reinhard Lauterbach
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Setzte den Bestrebungen der moldauischen Führung, die Gebiete östlich des Dnjestr zu erobern, ein Ende: General Alexander Lebed

Bessarabien, der historische Name für das Gebiet der heutigen Republik Moldau, war in seiner durch schriftliche Quellen erfassten Geschichte immer ein Zankapfel angrenzender Imperien. Im späten Mittelalter gerieten walachische (rumänische) Fürstentümer unter osmanische Lehnsherrschaft, die polnisch-litauische Adelsrepublik besetzte eine Zeitlang den nördlichen Rand, bevor in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Region im Zuge der Expansion des Zarenreichs nach Süden unter russische Herrschaft kam. Es war eine entlegene Provinz, in der impressionistische russische Maler südliche Motive auf die Staffelei bannten, und wo die zaristische Geheimpolizei 1905 in Kischinjow (heute: Chisinau) ein Judenpogrom organisierte, das die damalige Weltöffentlichkeit alarmierte.

Südlicher Außenposten

1918 holte sich Rumänien die Provinz aus der Konkursmasse des vom Bürgerkrieg geschwächten Russlands, mit Ausnahme eines kleinen Landstreifens am linken (östlichen) Ufer des Flusses Dnjestr (Nister). Dieser wurde 1924 als »Moldawische Autonome Sowjetrepublik« der Ukrainischen Sowjetrepublik angeschlossen und fungierte aus sowjetischer Sicht als Ausgangspunkt für Bestrebungen, Bessarabien bei sich bietender Gelegenheit zurückzuholen.

Die erste bot sich mit dem sowjetisch-deutschen Pakt von 1939, als sich die UdSSR ihren Anspruch auf Bessarabien vom »Bündnispartner« in Berlin garantieren ließ und den Wechsel ein Jahr später zog: Durch ein Ultimatum an Rumänien, das gerade seine französische Schutzmacht verloren hatte, erzwang sie die Rückgabe der Region. 1941 versuchte Rumänien, dies rückgängig zu machen, abermals kam es zu antijüdischen Pogromen durch deutsche und rumänische Einsatzgruppen. 1945 wurde Bessarabien zum zweiten Mal in die Sowjetunion zurückgeholt und mit dem Stückchen Land namens »Moldawische Autonome Sowjetrepublik« zur Moldawischen Sowjetrepublik vereint.

Die Vereinigung war eine formale. Der größere Teil Moldawiens westlich des Dnjestr blieb im wesentlichen agra­risch geprägt und belieferte den Norden der UdSSR mit Obst, Gemüse und Wein. Östlich des Flusses aber entstand ein Industriegebiet, das 1989, als Moldawien zerbrach, mit 15 Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Sozialprodukts der Republik produzierte, darunter 90 Prozent des Stroms. Für die neuen Indus­triebetriebe wurden Zuwanderer aus der ganzen UdSSR geholt, die im Industriegebiet östlich des Dnjestr eine russisch-ukrainische Bevölkerungsmehrheit von 60 Prozent schufen.

Im Zuge der Perestroika kamen in der Moldawischen Sowjetrepublik rumänisch-nationalistische Kräfte in der regionalen Parteiorganisation ans Ruder. Sie strebten die Vereinigung der Republik mit Rumänien an. In einem ersten Schritt kassierten sie 1989 die Stellung des Russischen als zweite Staatssprache neben Moldauisch/Rumänisch; ihr Beschluss, gleichzeitig das Moldauische auf die lateinische Schrift umzustellen, drohte die Bewohner des Industriegebiets zu sekundären Analphabeten zu machen. Dass es Proteste dagegen gab, durfte niemanden wundern.

Matrjoschka-Nationalismus

Waren diese Proteste ursprünglich darauf gerichtet, den alten Status des Russischen als gleichberechtigte Staatssprache zu erhalten – was sich aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Obersten ­Sowjet der Moldauischen Republik nicht durchsetzen ließ –, radikalisierten sich die Forderungen der Menschen im Ostteil von Moldau nach dem Muster des Matrjoschka-Nationalismus: Dem Separatismus im großen wurde ein Separatismus auf regionaler Ebene entgegengesetzt. Er gipfelte 1991 in der durch den Zusammenbruch der UdSSR gegenstandslosen Forderung, sich als Region und autonome Republik der UdSSR anzuschließen. Regionale Wahlen bestätigten 1990, dass es hierfür eine Mehrheit im Ostteil von Moldau gab. 1991 erklärte sich erst Moldau für unabhängig von der Sowjetunion und dann, zwei Monate später, der Ostteil als »Pridnestrowische Moldauische Republik« für unabhängig von Moldau.

Die moldauische Führung wollte sich aber das Industriegebiet im Osten nicht entgehen lassen und versuchte, die Region mit Gewalt zur Unterwerfung zu zwingen. Das gelang nur teilweise und vorübergehend. Eine wichtige Rolle spielte dabei der allgemeine Zerfallsprozess der Sowjetunion und seine Folgen für die seit 1956 in Transnistrien stationierte 14. Gardearmee. Die ursprünglich aus der ganzen UdSSR kommenden Soldaten, die keinen Sold mehr bekamen, liefen auseinander und wurden durch aus der Region stammende Soldaten anderer russischer Einheiten sowie in Transnistrien ausgehobene Wehrpflichtige ersetzt. Die Armee war also 1992 im Grunde bereits eine transnistrische Streitmacht, auch wenn sie formal dem Moskauer Befehl unterstand, der lautete, in dem Konflikt neutral zu bleiben.

Aber dieser Befehl ließ sich in der Praxis nicht durchsetzen. Frauen vom Komitee der Soldatenmütter beknieten die Offiziere, ihnen Waffen zur Verteidigung gegen die moldauischen Nationalisten zu geben, und einige bekamen sie unter der Hand wohl auch. Auf dem Höhepunkt des bewaffneten Konflikts im Sommer 1992 desertierten Teile der 14. Armee und schlossen sich den Streitkräften der »Pridnestrowischen Republik« an. In einer Atmosphäre des wachsenden politischen und militärischen Chaos kam mit dem Befehl, die Waffenvorräte der 14. Armee zu sichern, der Fallschirmjägergeneral Alexander Lebed in die pridnestrowische Hauptstadt Tiraspol. Unter dem Eindruck eines blutigen moldauischen Angriffs auf die westlich des Dnjestr gelegene Stadt Bendery Ende Juni entschloss er sich, ohne Rücksprache mit seiner Führung in Moskau zu handeln. Für die Nacht zum 3. Juli ordnete er einen Artillerieschlag gegen die moldauischen Stellungen an. Mehrere hundert moldauische Soldaten sollen damals umgekommen sein, der Rest floh in Panik.

Diese Niederlage machte die Führung in Chisinau verhandlungsbereit. Am 21. Juli 1992 unterzeichneten die Präsidenten Boris Jelzin und Mircea Ion Snegur in Moskau ein Waffenstillstandsabkommen, das im wesentlichen bis heute gehalten hat. Teile der russischen 14. Armee stehen immer noch in Transnistrien, wenn auch inzwischen auf isoliertem Posten.

»Zeit zu handeln« – Aus der Pressekonferenz von General Alexander Lebed in Tiraspol, 4. Juli 1992

Ich will gleich von Anfang an Beschuldigungen entgegentreten, dass ich mich als General in die Politik einmischte. Dies weise ich kategorisch zurück: Ich folge als russischer Offizier nur meinem Gewissen. Vor allem wende ich mich an Sie, den ersten Präsidenten des demokratischen Russlands, Boris Nikolajewitsch Jelzin. (…) Ihnen melde ich: An der Grenze der Pridnestrowischen Moldauischen Republik und der Republik Moldau existiert kein nationaler Konflikt, weil (…) Moldauer, Ukrainer und Russen hier friedlich zusammenleben. (…) Hier ist ein Genozid am eigenen Volk im Gange. (…)

Allein im Pridnestrowje-Gebiet wurden heute 650 Menschen getötet und bis zu 4.000 verwundet. Zwei Drittel von ihnen waren Zivilisten: Frauen, Kinder, alte Leute. (…) Das ist das Gesicht der Okkupation allein in der Stadt Bendery, wo offiziell »die verfassungsmäßige Ordnung wiederhergestellt wurde«. Sämtliche Betriebe der Stadt bis hin zur Brotfabrik und der Molkerei wurden zerstört. Selbst wenn in Bendery heute noch Reste der Bevölkerung am Leben sind, dann werden sie, falls morgen der Frieden eintritt, keine Arbeitsgelegenheit haben, weil alles, wo sie arbeiten könnten, zerstört ist. 120.000 bis 150.000 Menschen sind geflohen. (…)

Ich erkläre offiziell, dass es hier auf dem Gebiet von Pridnestrowjen weder ein postkommunistisches noch ein prokommunistisches oder nichtkommunistisches Regime gibt. Hier leben einfach Menschen, die systematisch und auf eine so barbarische Art hingeschlachtet werden, dass die SS-Männer vor 50 Jahren im Vergleich zu ihnen Weihnachtsmänner waren. (…) Über dieser Erde hat der Schatten des Faschismus gelegen. Ich gehe davon aus, dass dies allen bewusst ist. (…) Was ich hier heute gesehen habe, gibt mir das moralische Recht zu erklären, dass der gewählte Präsident von Moldau, Snegur, gleich, ob seine Wahl im formalen Sinn legal gewesen ist, kein legitimer Präsident ist, sondern der Gründer eines faschistischen Staates, der sich mit einer faschistischen Clique umgeben hat. (…) Die Zeit zu handeln, anstatt nur zu politisieren, ist gekommen.

Quelle: Elisabeth Heresch: Alexander Lebed. Kapitel 12. München 1997. Hier zitiert nach der russischen Onlinefassung: https://www.e-reading.club/chapter.php/1023252/14/elizabet-heresh-general-lebed.html
Übersetzung: Reinhard Lauterbach

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