Mit Rückendeckung
Von Nick Brauns
Der an heroischen Erzählungen nicht eben arme kurdische Freiheitskampf ist um ein weiteres Heldenepos reicher. Sechs Tage lang hielten rund 300 kurdische Kämpfer einer Übermacht von über 40.000 Regierungssoldaten in zwei vor allem von Kurden und Christen bewohnten Stadtvierteln von Aleppo stand.
Am Ende war der Schutz der Zivilbevölkerung ausschlaggebend für die am Sonntag vom Oberkommandierenden der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), Mazlum Abdi, bekanntgegebene Entscheidung, die Verteidiger von Aschrafija und Scheich Maksud im Rahmen eines unter internationaler Vermittlung erfolgten Waffenstillstandsabkommens in das Autonomiegebiet östlich des Euphrat zu evakuieren. Denn gegen den Artilleriebeschuss von Wohngebieten und Krankenhäusern waren die nur leicht bewaffneten kurdischen Milizionäre machtlos. Das Schicksal der Einwohner beider Viertel liegt damit in der Hand der als Regierungsarmee firmierenden islamistischen und faschistischen Kopfabschneiderbanden.
Diese Verbände – ein Teil davon unter direktem türkischen Kommando – verfügten nicht nur über die Rückendeckung Ankaras als treibender Kraft bei der Aleppo-Operation. Sie können auch auf das Stillhalten von EU und USA bauen. So sicherte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorige Woche in Damaskus dem syrischen Präsidenten und Ex-Al-Qaida-Mann Ahmed Al-Scharaa volle Unterstützung zu, schließlich will die EU syrische Flüchtlinge im großen Stil loswerden.
Keinen Einspruch gegen die Offensive auf die Kurden in Aleppo hatten die USA. Denn ihr primäres Ziel ist ein Abkommen zwischen Syrien und dem strategischen US-Verbündeten Israel, der Südsyrien besetzt hält. Und davon lenkt das Vorgehen gegen die von Damaskus gleichermaßen als Agenten Israels und des Iran, als Assad- und als PKK-Anhänger gebrandmarkten Kurden die dem zionistischen Staat feindlich gegenüber stehende arabisch-sunnitische Unterstützerbasis von Al-Scharaa passabel ab.
Bei den als syrische Regierungsarmee firmierenden Verbänden in Aleppo handelt es sich vielfach um frühere Kämpfer des »Islamischen Staates« in neuen Uniformen. Während Washington das geflissentlich ignoriert, bombardierte die offiziell zum Kampf gegen den IS in Syrien stationierte US-Armee am Wochenende angebliche IS-Stellungen – es dürfte sich um aufgelassene Depots in der Wüste gehandelt haben.
Ein baldiger Großangriff syrischer Regierungstruppen auf das Autonomiegebiet in Nord- und Ostsyrien ist wenig wahrscheinlich, verfügen die SDF doch über gut doppelt so viele Soldaten wie Al-Scharaa. Doch Hoffnungen auf eine Einigung mit Damaskus dürften sich dort vorerst ebenso zerschlagen haben wie in der Türkei auf Fortschritte im stockenden Friedensprozess mit der kurdischen Befreiungsbewegung. Der lachende Dritte ist Israel, dessen Regierung strategisch auf zersplitterte und damit schwache Staaten in der islamischen Welt setzt.
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