Rührt. Euch.
Von Stefan Heidenreich
Nach dem Weihnachtsmarkt und der Silvesterschlägerei haben sie am Berliner Alex zwei monströse Werbeplakate aufgespannt. Vor kubistischem tarnfarbenen Muster behauptet das eine mit etwas Orwellschem Einschlag »Weil Frieden nicht selbstverständlich ist.« Um die Ecke ruft das andere in einem Ton, mit dem die Werber offenbar ihre jugendliche Zielgruppe ansprechen wollen: »Frei. Will. Ich.« Rührt. Euch.
Sollte die Größe der Plakate die Dringlichkeit des Anliegens abbilden, sieht es an der Heimatfront ziemlich verzweifelt aus, von der Ferne ganz zu schweigen. Wer im Osten groß geworden ist, kennt das schon. Wenn der Laden den Bach runtergeht, machen sie aus blanker Verzweiflung irgend etwas, fast egal was, in der Hoffnung, das drohende Unheil irgendwie abzuwenden. Irgendwas. Irgendwie. Rührt. Euch.
Unterdessen geht in den unteren Klassen das Leben seinen Gang. Drei Schritte von den Monsterplakaten entfernt sitzt im Drogeriemarkt eine Kassiererin mit einem Namensschild, auf dem zu lesen ist: »Wir beraten Sie gerne auch auf russisch«, daneben ein weiß-blau-rotes Fähnchen. In den Spelunken Berlins tummeln sich mehr und mehr Jugendliche, die derartige Beratung sowohl annehmen wie auch anbieten könnten. Was wollen die Zugereisten aus dem Osten bei uns? Sollten sie sich nicht zum Dienst melden? Wollen. Sie. Nicht. Frei?
Ein paar Schritte weiter wächst trotz eisiger Minusgrade das Zeltlager unter der Bahnbrücke längs der Karl-Liebknecht-Straße. Eine Brüllbox wummert hinter dem Plastiktütenvorhang, die Bürger gehen mit Grausen vorbei. In Sichtweite hängen vor dem Roten Rathaus noch immer die gelb-blauen Fahnen, ob als frommer Wunsch, Ermahnung oder Menetekel lässt sich schon nicht mehr sagen.
So viel zum Stadtbild. Jetzt ein wenig rauszoomen. Weltbild. Man ist ja immer auf der Suche nach einem Argument, das die nach Jahren unentwegten Eintrichterns komplett verspulten Mitbürger erreicht, ihr pathologisch fixiertes Standardnarrativ erschüttert. Dass ausgerechnet die amerikanischen Exfreunde zu Hilfe kommen, ist eine unerwartete Wendung, hat aber erst einmal leider nur den Effekt, dass sich die Angesprochenen noch mehr einbunkern. Nun ist unser Europa, so die Erzählung, der edle Garten der Guten, das mitteleuropäische Paradies, von beiden Seiten her bedroht. Oder sogar von dreien, je nachdem, vor welchen Horden man sich mehr fürchtet. Das übliche Weltbild der unbescholtenen und von Jahrzehnten »Tagesschau« indoktrinierten Bürger sieht in etwa so aus: Im Osten stehen die Barbaren, Untermenschen, Hunnen, Russen und was auch immer. Satan. Putler.
Im Westen, überm Teich, die Blondlocke. Der Undemokrat, Faschist, Wüterich, der uns jetzt unser Grönland wegnehmen will. Kurz innehalten. Wollen die Grönländer eigentlich dänisch-europäisch sein? Vielleicht sollte man sie mal fragen? Hat man. Daraufhin sind sie 1985 aus der EU ausgetreten. An der Euroskepsis hat sich seitdem wenig geändert. Und Trump? Wurde er tatsächlich von der Mehrheit der Bürger dieses immer fremder werdenden Landes gewählt? Warum? Damit ist die Fragerunde geschlossen.
Umzingelt von Mächten der Hölle müssen wir uns also bis an die Zähne bewaffnen. Um in der Wolfswelt zu überleben. Weil Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Und Frei will ich – was auch immer das heißen soll. So hat sich der Betonkopf eingebunkert. Und es ist nahezu unmöglich, mit irgendwelchen Argumenten zum Resthirn durchzubohren. Hier eine Auswahl an Dialogfetzen:
»Deine Rente geht dafür drauf.« – »Mir egal. Wir haben keine Wahl.«
»Der Krieg im Osten geht verloren.« – »Russland wird vorher zusammenbrechen.«
»Der Eliten im Westen wollten den Krieg, um Moskau zu ruinieren, und wären mit der NATO bis auf den Roten Platz vorgerückt, um ihn zu bekommen. Und jetzt, wo sie mit dem Plan gegen die Wand gefahren sind, wissen sie nicht weiter und verbreiten Panik.« – »Russische Propaganda.«
Vielleicht hilft es ja, noch weiter rauszuzoomen. Ganz groß zu denken. Universal. Existentiell. Extinctionell. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts? Wozu das alles?
In Ermangelung einer Antwort ein O-Ton aus den Reihen des hoffnungsfrohen Nachwuchses: Nächste Woche haben wir eine Ethik-Klassenarbeit. Über Normen und Werte. Und ich kann das. So. Gar. Nicht.
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